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Mein Nachbar Kurt 10
Schönes Bild
Ding
Dong.
Ich weiß, ich hab ja
selber Schuld. Seit Kurt im Internet ist und seine Bilder auf
dieser Bilder-Plattform FFSÜ (Fotos-Freunde-Sülzereien)
präsentiert, ist es in letzter Zeit schön ruhig geworden.
Dieses FFSÜ ist wie ein täglicher Valentinstag für Fotografen,
es werden zu jedem Bild nur Blumen verteilt. Ich habe dann den
Fehler gemacht, auf seine Seite zu gehen und einen ehrlichen
Kommentar zu einem seiner Bilder zu schreiben.
Ding Dong.
Ich glaube, ich muss
mal eben zur Tür, da war wohl jemand mit meinem Kommentar
nicht ganz einverstanden.
"Was fällt dir ein,
meine schöne Seite durch einen solch boshaften Kommentar zu
versauen", brüllte Kurt mich gleich an. "Was ist denn an
meinem Kommentar so boshaft? Ich habe doch eine konstruktive
Kritik zu deinem Bild abgegeben."
Kurt hielt mir einen
Ausdruck seiner Seite vor Augen, u.a. mit seinem Bild und
meiner Anmerkung.

Der Bildaufbau ist zu wirr, das Auge
findet keinen Halt. Es gibt keine scharfe Stelle in dem Bild,
außerdem ist es stark farbstichig in Richtung blau. Die
Bildecken dunkeln sehr stark ab, evtl. mal Gegenlichtblende
oder Filter überprüfen. Die Kompression ist viel zu stark.
"Das hat nichts mit
konstruktiver Kritik zu tun. Wenn du wissen möchtest, wie
konstruktive Kritik zu klingen hat, dann hättest du dich nach
den anderen Postern richten müssen.“
Ich runzelte die Stirn
und sagte: "Also Kurt, da waren doch außer nichtssagenden
Floskeln keine hilfreichen Kritiken auf deiner Seite."
Kurt schaute auf seine
Seite und erwiderte trotzig: "Aha, und was ist dann das hier?
Hier steht gleich deutlich als erste Anmerkung >Schönes
Bild<."
Ich schaute etwas
verdutzt: "Und? Was soll denn deiner Meinung nach >Schönes
Bild< bedeuten?"
Kurt verdrehte die
Augen: "Das ist doch wohl oberdeutlich. Aber für dich als
fotografischen Beginner erkläre ich das gerne noch mal. >Schönes
Bild< bedeutet, dass dem Betrachter das Bild sehr
gut gefällt, und zwar in Hinsicht auf eine beeindruckende
Bildidee, eine überlegt angewandte Gestaltung und eine
hervorragende Technik." Kurt verschränkte die Arme und grinste
mich an, so auf die Art 'Und nun kommst du'.
Ich blieb ganz ruhig
und meinte: "Wo haste denn diese Definition für >Schönes
Bild< her?"
Kurt verdrehte wieder die
Augen: "Was heißt denn hier, wo ich die Definition her habe?
Das ist doch wohl klar, was der Ausdruck >Schönes
Bild< bedeutet. Was soll das denn sonst heißen?"
"Na ja, es ist
eigentlich wie bei Beurteilungen oder Zeugnissen. Da steht
dann auch ‚Er war stets bemüht‘, was dann soviel bedeutet,
dass er eine ziemlich faule Sau war."
"Ach was“, sagte Kurt
leicht errötet. Er ging wohl gerade in Gedanken seine letzte
Beurteilung durch. "Und was soll dann >Schönes
Bild< deiner Meinung nach bedeuten?"
Ich machte einen
leicht nachdenklichen Eindruck und sagte: "So genau kann ich
das jetzt auch nicht sagen, aber ich kann ja mal nachschauen."
"Wo nachschauen?"
fragte Kurt.
"Na ja,“ antwortete
ich, "dafür gibt es doch die International Guidelines for
Photocomments. Moment, ich hol die mal eben."
Ich ging in mein
Arbeitszimmer und kam nach zwei Minuten wieder zurück. Kurt
stand da immer noch mit aufgerissenen Augen. Wusste ich’s
doch, davon hatte er noch nie was gehört.
Ich schaute ihn gar
nicht an und fing an zu blättern. "So, dann wollen wir doch
mal schauen. >Schönes Bild<, da
haben wir es ja schon:
Schönes Bild
-
Steht dieser Ausdruck alleine
als Anmerkung, so ist davon auszugehen, dass der Schreiber
dies aus reiner Freundlichkeit und Tradition von sich gibt. Es
ist der Ausdruck des Betrachters, der keine gelungenen
fotografischen Ansätze in dem Bild sieht und somit auch keine
positive Anmerkung von sich geben kann. Da der Betrachter den
evtl. zartbesaiteten Autor nicht kränken möchte, benutzt er
die nichts sagende Floskell >Schönes Bild<.
Man kennt diese Art auch aus der Kindheit, wenn die Mutter zum
Baby sagt: "Hattu schön die Windel vollemacht?" oder auch nach
dem "Ersten Mal", wenn die Freundin danach sagt: "Nein, ich find's toll, dass du so früh gekommen bist.“
Der konstruktive Inhalt für eine
fotografische Anmerkung ist gleich Null.“
"Das ist doch
Quatsch", meinte Kurt aufgeregt. "Warte, warte, was ist mit
dem Kommentar hier >Wow, hammermäßiges Bild,
das knallt voll rein<."
"Moment, ich schau mal
eben. Ah ja, hier haben wir's:
Wow
Steht dieser Ausdruck
alleine als Anmerkung, siehe >Schönes Bild<.
-
Steht das
Wow in Verbindung mit megageil
oder hammermäßig, ist
davon auszugehen, dass der Schreiber unter leichtem
Drogeneinfluss steht.
-
In Ausnahmefällen wird der
Zusatz "knallt voll rein"
benutzt. Es gilt der o.a. Satz, nur ersetzen Sie das Wort
"leicht" durch "schwer".
Der konstruktive Inhalt für eine
fotografische Anmerkung ist gleich Null.
"Aber hier, dieser
Kommentar ist doch wohl voll des Lobes. 'Toll, habe ich
auch mal versucht, aber deines ist viel besser.' Das ist
doch wohl auch ohne Buch klar."
"Schauen wir mal." Ich
versuchte möglichst coole Gesichtszüge aufzusetzen. Jeder
Ansatz von Schadenfreude würde Kurt zum Platzen bringen.
Vergleiche mit eigenen Bildern, wobei das zur Kritik stehende
als das bessere betitelt wird.
-
Hat der Schreiber ein eigenes
ähnliches Bild, das deutlich schlechter ist, so würde er dies
im Normalfall nicht erst gar nicht anmerken. Finden Sie trotzdem diese
Anmerkung, so können Sie davon ausgehen, dass sich der
Kritiker über Ihr Bild lustig macht und mit seinem Hinweis
sagen möchte ‚Schau mal auf meine Seite, wenn du sehen
möchtest, wie man es richtig macht, du Birne‘. Da diese
ehrliche Kritik beim Autoren nichts bewirken würde, versteckt
man diese Absicht hinter nett zu lesenden Lobesfloskeln.
Der konstruktive Inhalt für eine
fotografische Anmerkung ist gleich Null.
Kurt nannte mir der
Reihe nach weitere Kommentare wie super, geil, fantastisch
usw. Die Erklärungen des Buches dazu waren immer sehr einfach,
überall stand nur: 'Siehe >Schönes Bild<‘.
Kurt unternahm einen
letzten Versuch. "Jetzt aber, dieser Kommentar ist kurz, sehr
eindeutig und nicht falsch zu interpretieren: 'Super, das
Motiv ist echt klasse'. Jetzt wollen wir doch mal sehen, was
dein schlaues Buch dazu meint."
Blätter, blätter, aha,
das war leicht zu finden.
Tolles Motiv
-
Auf der Erde gibt es
verschiedene Motive, manchmal sogar tolle Motive. Es gibt auch
Bananen, manchmal auch tolle Bananen. Wenn Sie eine Banane
fotografieren, haben Sie eine Banane fotografiert. Wenn Sie
eine tolle Banane fotografieren, haben Sie eine tolle Banane
fotografiert. Das ist völlig unabhängig davon, ob Ihr Bild gut
oder schlecht ist, es bleibt eine tolle Banane. Ersetzen Sie
nun tolle Banane durch tolles Motiv. Der Kritiker will damit
ausdrücken, dass es nichts Positives an Ihrem Bild gibt. Um
jedoch trotzdem seiner Kritik einen freundlichen Touch zu
geben, lobt er etwas, was nicht Ihr Verdienst ist, nämlich das
Motiv.
Der
konstruktive Inhalt für eine fotografische Anmerkung ist
gleich Null.
Kurt zerknüllte den
Zettel mit seinem Bild und den Kommentaren und sah ziemlich
sauer aus. "Hätte ich mir auch gleich denken können. Die
Kommentare glichen doch zu sehr die von meiner Else, wenn Sie
mal wieder irgendeine Anschaffung plant. Aber bei den FFSÜs
verstehe ich das nicht, die wollen doch nichts von mir, warum
dann diese Sülzereien?"
Ich zuckte mit den
Schultern und meinte: "Keine Ahnung, vielleicht sehnen sich
viele einfach nach ein paar Streicheleinheiten. Ist doch auch
nicht sooo schlimm, wenn man es richtig zu interpretieren
weiß. Es ist halt nur die Gefahr da, wenn man mal eine
richtige Bildkritik erhält, dass man das dann persönlich nimmt
und die Selbstkritik stark nachläßt."
"Kann mir nicht
passieren,“ meinte Kurt, "ich bin immer offen für ehrliche
Kommentare."
Jaja, dachte ich,
unbedingt.
"Da war doch noch ein
weiterer Kommentar auf deiner Seite," bemerkte ich.
Kurts Miene
verfinsterte sich ein wenig und er meinte: "Ja, da hat einer
einfach ‚Ab in die Tonne‘ geschrieben, aber den habe ich gleich
ignoriert, der will doch einfach nur provozieren."
"Ach, den hast du
einfach ignoriert und der hat sich auch nicht mehr geäußert?"
"Neinnein“, entgegnete
Kurt, "dass ist anders gemeint. Wenn jemand sich so äußert,
dann kann man den bei FFSÜ auf IGNORE stellen und dann kann er
sich nicht weiter äußern."
Hmm, das ist also bei
FFSÜ die Definition von Selbstkritik. Sauberer Laden, was mir
nicht gefällt, wird exekutiert.
Kurt grübelte auf
einmal ein wenig und meinte dann: "Sag mal, wenn alles das,
was positiv klingt, eigentlich negativ ist, dann könnte doch
die Anmerkung Ab in die Tonne in Wirklichkeit etwas sehr Positives sein.
"Äh, was soll denn
Positives an dem Satz Ab in die Tonne sein? Das ist doch wohl so
klar, das steht hier wohl kaum drin“, sagte ich verdutzt.
"Quassel nicht, schlag
lieber das Buch auf, du hast da eh keine Ahnung von."
Na gut, dann wollen
wir mal schauen. "Oh ja, da isses."
Kurt verschränkte
grinsend die Arme und meinte: "Lies vor, Klugscheißer."
Ab in die Tonne
-
Nicht sehr konstruktiv,
jedoch mit einer gewissen Bildkritikerfahrung als sehr positiv
zu werten.
"Hört, hört", sagte
Kurt in einem deutlichen Ton.
"Moment, da steht noch
viel mehr zu dem Wort.“ Ich las weiter vor.
-
Das äußerst Positive an dem
Satz Ab in die Tonne ist der Umstand, dass es sich dabei um eine
knappe, aber sehr ehrliche Antwort handelt, die keinen
Spielraum für Interpretationen lässt. Unter Ab in die Tonne
versteht wirklich jeder Ab in die Tonne. Leichte Abwandlungen sind
"Geh lieber stricken", "Schrott", "Für den
A...." usw.
>Ab in die Tonne< ist die ehrliche Art für >Schönes
Bild<.
"Zeig mal her das
Buch", brüllte Kurt. Er blätterte noch etwas darin rum und gab
es mir dann relativ unsanft zurück. "Na wartet, da wird jetzt
aber einer Kommentare schreiben. Die können sich auf was
gefasst machen." Er drehte sich um und ging
zu seinem Haus. Da kam ihm der Meyer aus seiner Jodelgruppe
mit einem Lächeln auf dem Gesicht entgegen und rief Kurt zu:
"Hallo Kurt, ich war gestern mal auf deiner Internetseite bei FFSÜ, wirklich alles
sehr schöne Bilder."
Kurt blieb stehen,
lief hochrot an, stemmte seine Fäuste in die Seite und schrie:
"ICH HAU DIR DIE SCHÖNEN BILDER GLEICH UM DIE OHREN, DU
FISCHKISTENPENNER!"
Dann ging er weiter zu
seinem Haus; der Meyer stand da wie ein begossener Pudel,
zuckte mit den Schultern und meinte zu mir: "Was denn mit dem
los? Hab ich was Falsches gesagt?"
"Ach wo", meinte ich,
"Kurt steht halt nicht auf solche Floskeln. Der braucht
konstruktive Kritik."
Also, denken Sie bei
ihrer nächsten Bildbesprechung daran, dass der Fotograf evtl.
auch Besitzer des International Guidelines for Photocomments ist.
Seien Sie einfach ehrlich bei Ihrer Bildbesprechung. Es
hilft wirklich niemanden Bilder *schön* zu reden.
Und wenn Sie auf IGNORE gesetzt werden wissen Sie, Kurt hat
sich unter einem Pseudonym auch bei anderen Plattformen
eingeschlichen.
Und wehe einer
schreibt mir jetzt "Schöne Geschichte".
;-)
TT
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