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Mein Nachbar Kurt 3

 

Der Knipser

 

Au weia, mein Nachbar Kurt kommt gerade von einem Fotoausflug wieder. Bloß schnell ins Haus, hoffentlich sieht er mich nicht. "Hey Thomas, warte doch mal eben", schallt es da schon zu mir rüber. Na super, klassischer Montag. "Hallo Kurt, na, mal wieder auf Fotosafari gewesen?" fragte ich gezwungen lächelnd. Kurt lächelte und sagte: "Ja, ja. Heute mittag war so klarer Sonnenschein, da wollte ich ein paar Porträts machen. Kommen bestimmt klasse Bilder bei raus. War soviel Licht, da konnte ich sogar mit Blende 16 fotografieren." Au ja, dachte ich bei mir, das werden bestimmt wieder Spitzenporträts. Wahrscheinlich bekommt der Verkäufer dann wieder seinen ganzen Frust zu spüren oder ich, urgs.

"Ich brauche da mal einen Tipp von dir, Thomas," sagte Kurt. Tja, den hättest du dir mal lieber vorher holen sollen, dachte ich so bei mir. So von wegen Porträts bei strahlender Sonne und Blende 16. "Also", sagte Kurt, "wir haben da doch vom Kegelverein wieder unser Kostümfest. Tja, und da möchte ich mich so als richtiger Knipser verkleiden. So wie diese japanischen Touristen. Und damit man mich gleich als reinen Knipser erkennt, wollte ich dich fragen, welche Kameramarke ich mir denn am besten um den Hals hänge?"
Puh, da mußte ich erst mal tief Luft holen: "Mal abgesehen davon, dass ein Knipser genau die gleiche Berechtigung für seine Art zu fotografieren hat und knipsen eigentlich nichts Abwertendes ist, ist das völlig unabhängig von der Kameramarke." Schon runzelte sich wieder Kurts Stirn und er sagte mit einem leicht verschärften Ton: "Für mich ist aber knipsen etwas Abwertendes und es wird ja wohl einen von aussen erkennbaren Unterschied zwischen einem Knipser und einem anspruchsvollen Amateur oder Semi-Profi geben."

Ich schaute mir Kurt an. Um seinen Hals baumelte seine neue APS-Spiegelreflexkamera mit dem neuen Super-Megazoom 24-400mm mit der gewaltigen Lichtstärke von 9,5. Bestückt mit einem UV-Filter von Spar-Hose und die kleine Gegenlichtblende verkehrt herum. Die Kamera war natürlich auf <P> eingestellt, und als zusätzliche Sicherheit war der Scharfstellpiepton eingeschaltet. Auf der Abblendtaste befand sich noch die Schutzfolie, da sie ja eh nicht benutzt wird. Die Bedienungsanleitung der Kamera schaute aus seiner Hemdtasche, und um die Schulter hing ein zum Stativ umgebauter Notenständer. Auf der Kameratasche klebte der Aufkleber <NÜKON IS THE BEST, FUCK THE REST; SPECIAL CONAN>

"Keine Ahnung, Kurt", sagte ich, "ich habe wirklich keine Ahnung, wie ein Knipser aussehen könnte."

"Ach was soll's",sagte Kurt leicht enttäuscht, "den Knipser würde MIR sowieso keiner abnehmen. Aber als was gehe ich denn sonst zum Fest?" Ich schnippste mit den Fingern und sagte: "Kurt, warum gehst du denn nicht als Profifotograf. Du steckst dir einfach noch fünf Kugelschreiber in die Hemdtasche und klebst dir ein <PRESSE> Schild an die Mütze." Da erhellte sich Kurts Gesicht und er bemerkte strahlend: "Aber sicher, da brauche ich mich gar nicht großartig zu verändern. Ich fotografiere dann noch den ganzen Abend mit einer Hand in der Hosentasche und äußere mich negativ über die Fotos des COFO-Wettbewerbs, dann sieht jeder, dass ich mächtig Ahnung habe."

Freudestrahlend lief Kurt zu seinem Haus. Ich schaute auf den Himmel. Es baute sich eine geschlossene , aber zarte Wolkendecke auf. Ich rief Kurt zu: "Hey Kurt, es ist doch erst 16:00 Uhr, wollen wir nicht noch ein paar Porträtaufnahmen machen?" Kurt runzelte erst die Stirn, lächelte dann und sagte: "Bei dem Himmel und der Uhrzeit? Mannomann, und du hast keine Ahnung, wie ein Knipser aussehen könnte? Schau in den Spiegel, Thomas, haha, schau doch einfach in den Spiegel."

Und so bekam das Wort <Knipser> für mich zum erstenmal den Status eines Kompliments.

;-)

TT

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