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Mein Nachbar Kurt 4
Die Satzung
Kaum zu glauben. 2 Wochen war ich im Urlaub
und 3 Wochen auf Dienstreise und heute komme ich endlich mal
wieder zu einem BuFo-Treffen. Und was ist passiert? Kurt hat sich
zum Leiter der BuFos wählen lassen, obwohl wir solch eine Wahl
noch nie durchgeführt haben. Ich war kaum im Raum, da streckte
mir Kurt auch schon einen Haufen Zettel entgegen: "Unsere
Satzungen, besser, du machst dich da gleich mit vertraut."
Satzungen???? Es gab bei uns noch nie Satzungen. Na ja, erst mal
tief Luft holen und lesen. Überschrift war schon mal dick und
fett: SATZUNGEN.
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Es werden verbindliche Satzungen
eingeführt. Die Möglichkeit, diese Satzungen zu ändern,
unterliegt einzig dem Vorsitzenden. Änderungen des
Vorsitzenden müssen mit den Mitgliedern nicht
abgesprochen werden. Vorschläge der Mitglieder werden
nur in Übereinstimmung mit dem Vorsitzenden angenommen.
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Der Mitgliedsbeitrag wird von
monatlich 5,- DM auf 20,- DM erhöht.
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Am Ende eines Jahres werden Mitglieder
für folgende Leistungen geehrt:
- langjährige Mitgliedschaft
- besondere Verdienste im Vorstand
- 1, 2, 3, 4, 5, 6, usw. -jähriges Jubiläum als 1.
Vorsitzender. Als Preis wird ein Zinnbecher mit Gravur
verliehen. Für das Dienstjubiläum des 1. Vorsitzenden
wird zusätzlich eine Urkunde sowie ein Buchpreis ausgehändigt.
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Ein Vereinswimpel ist umgehend
herzustellen. Dieser ist bei jedem Treffen deutlich auf
dem Tisch zu platzieren.
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Bei Ausstellungen zählt nicht mehr
die Qualität der Bilder für eine Annahme, sondern die
Dauer der Zugehörigkeit im Verein sowie der Umfang der
fotografischen Ausrüstung.
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Neue Mitglieder müssen eine 3-monatige
Probezeit bestehen. Es müssen mindestens einige
Wettbewerbserfolge vorhanden sein, 10 selbstvergrößerte
Bilder müssen nachgewiesen werden, und die Kameraausrüstung
darf einen Wert von 3000,- DM nicht unterschreiten.
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Bilder dürfen bei folgenden
Mitgliedern nicht kritisiert werden:
- beim Vorsitzenden
- bei Mitgliedern, die schon 20 Jahre oder länger
fotografieren
- bei Mitgliedern , deren Kameraausrüstung einen Wert
von 10 000,- DM übersteigt
- bei Mitgliedern, die schon über bedeutende
Wettbewerbserfolge verfügen. (z. B. wie unser langjähriges
Mitglied Kurt, der 1974 beim Frikadellen-Fotowettbewerb
von Schlachter Karl eine große Packung Fleisch in der
Dose gewonnen hat.)
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Bilder von neuen Mitgliedern sollten
nicht übermäßig gelobt werden. Ein "Hätte man
was draus machen können" steht hier für die
positivste Äußerung. Sollte das neue Mitglied mit einem
Wettbewerbserfolg kontern, so ist der Hinweis auf Glück
und unfähige Jurymitglieder zu geben.
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Neue Mitglieder dürfen noch keine
Bilder kritisieren, da sie noch gar nicht einschätzen können,
ob sie ein Bild gut oder schlecht finden.
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Die Themen Bildgestaltung und
Bildaufbau werden nicht mehr behandelt. Bei
Unsicherheiten kann man auf die Erfahrung der alten Hasen
zurückgreifen. Diese stellen dann für einen Neue
Mitglieder fest, ob ein Bild gut oder schlecht ist.
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Fotografische Grundlagen sind nicht
mehr erforderlich, da diese zu 100% von den heutigen
Kameras übernommen werden. Die hierdurch gewonnene Zeit
bei Versammlungen kann dann sinnvoll für den Bericht des
Kassenwarts, Schriftführers oder für eine Anekdote
eines langjährigen Mitglieds aus den Anfängen seiner
fotografischen Tätigkeit genutzt werden.
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Um festzustellen, ob ein neues
Mitglied wirklich fähig ist, in einer Gruppe
mitzuarbeiten und ob er eine Bereicherung für die Gruppe
darstellt, hat er im Vorfeld einige Fragen zu
beantworten, die über seine Gruppen- und Anpassungsfähigkeit
sowie über seine fotografische Erfahrung Aufschluss
geben soll:
- Was für eine Automarke fahren Sie?
- Was sind Sie von Beruf?
- Mit welcher Kameramarke fotografieren Sie?
- Wie hoch ist der Wert Ihrer Ausrüstung?
-
Bevorzugte Motive sind Mohnwiesen,
Libellen, Motocross, Masken aus Venedig und
Deutschlandbilder aus den 60er und 70er Jahren. Aktfotos,
speziell von großen, blonden, blauäugigen Frauen, müssen
im Vorfeld dem 1. Vorsitzenden zur ausgiebigen
Beurteilung vorgelegt werden.
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Der 1. Vorsitzende ist durch seine
repräsentative Tätigkeit schon sehr beschäftigt und
dadurch von allen anderen Aufgaben zu befreien.
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Weitere Punkte befassten sich mit dem
Essen bei der Weihnachtsfeier, dem Wandertag im Harz, das
Freundschaftstreffen mit dem Kaninchenzüchterverein und
die Redezeit bei Versammlungen in Abhängigkeit der
Clubzugehörigkeit.
Ich konnte gar nicht glauben, was ich da
las. "Das soll doch wohl ein Witz sein. Das hat doch mit den
BuFos nichts mehr zu tun. "Kurt lächelte mich nur an und
sagte: "Da hast du recht, wir nennen uns ja auch nicht mehr
BuFos sondern FUCK - "FOTOGRAFIE UNTER CREATIVEN KAMERADEN".
Nun wurde ich langsam sauer. "Kurt, wer gibt dir das Recht,
solche Maßnahmen durchzuführen?" Kurts Grinsen wurde immer
breiter. "Die Satzung natürlich. Siehe dazu Punkt 20 und 21."
Ich schlug die SATZUNG nochmal auf, tatsächlich, da waren noch
zwei versteckte Punkte, etwas kleiner geschrieben:
20. Der Vorsitzende hat immer Recht.
21. Hat der Vorsitzende mal nicht Recht, tritt automatisch Punkt
20 in Kraft.
Ich konnte es nicht fassen, mir wurde ganz
schwarz vor Augen, und ich hörte nur noch Gelächter. Mir wurde
schwindelig und ich fühlte mich, als wenn ich durch einen
zeitlosen Raum schweben würde. Da drang eine Stimme immer fester
an mein Ohr: "Thomas, Thoommaas, THOMAS." Ich öffnete
meine Augen und saß kerzengerade im Bett. Meine Frau stand vor
mir und schüttelte nur mit dem Kopf. "Thomas, steh auf, du
alte Schlafmütze, es ist schon 9:00 Uhr durch. Kurt ist am
Telefon und will dich sprechen. Meine Güte, was hast du denn
geträumt? Dein Bett sieht ja aus, als wenn du mit einer Horde Löwen
gekämpft hast." Ochsen, dachte ich, es waren Ochsen. Einer
war besonders groß. Ich stand auf und ging zum Telefon. Ein
Traum, dachte ich, es war nur ein idiotischer Traum.
"Hallo Thomas", bölkte Kurt ins
Telefon, "du gehst doch jetzt auf Dienstreise und Urlaub,
und da dachte ich, dass ich während deiner Abwesenheit den
Vorsitz... äh ich meine die Leitung des Clubs übernehme. Ich hätte
da schon ein paar prima Ideen."
Haben Sie schon mal das Gefühl gehabt, dass ein Traum droht
Wirklichkeit zu werden? Ich brauchte 2, 3 Sekunden, aber dann
antwortete ich: "Aber sicher, Kurt. Du müsstest nur ein
paar Dinge während der Zeit erledigen. Die Homepage muss nächste
Woche aktualisiert werden. Dafür musst du noch einige Dias
einscannen und bearbeiten. Sind ein paar harte Brocken dabei,
aber wenn du dich ranhältst, dann ist das an einem Wochenende zu
schaffen. Dann musst du wegen der Ausstellung noch bei zwei
Zeitungen vorstellig werden und bereits eine Beschreibung unserer
Club- und Ausstellungsinhalte vorbereiten. Vergesse ja nicht,
anschließend die Bilder wieder abzuholen. Die Portokasse für
das nächste Jahr muß neu berechnet werden. Irgendwie habe ich
da 5,- DM zuviel in der Kasse. Musst du noch mal nachrechnen. Für
die nächsten Wettbewerbe mußt du noch die Bildlisten und -aufkleber
fertig stellen. Informiere dich doch bitte, wo dafür das Papier
am günstigsten ist. Für die nächsten drei Treffen, musst du
dir noch neue Themen ausdenken und einige davon selbst
ausarbeiten. Wenn du das alles erledigt hast, dann........"
"Hey warte, warte. Ich habe ganz vergessen, dass ich noch
meinen Garten für den Winter vorbereiten muss. Du musst dir
leider einen anderen suchen." Die Stimme von Kurt hatte auf
einmal einen leicht unsicheren Unterton, aber ich war noch nicht
fertig:
"Macht nichts, das muss ich auch noch machen, das schaffst
du schon. Also, ganz dringend musst du dann......" Ich wurde
jäh von Kurt unterbrochen. "Vergiss es, warum soll
ausgerechnet ich das machen. Such dir doch einen anderen."
Klick. Aufgelegt.
Na also, hat geholfen, auch wenn es in
Wirklichkeit gar nicht so viel Arbeit ist und ich etwas dick
aufgetragen habe. Ich werde ja immer ausreichend unterstützt.
Wenn auch ein ziemlich finsterer Albtraum,
so war Kurts Satzung im Endeffekt doch nur ein Hirngespinst. So
etwas gibt es zum Glück ja in der Realität nicht.
Oder kommen Ihnen da einige Punkte aus
Kurts Satzung bekannt vor?
;-)
TT
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