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Mein Nachbar Kurt 6
Die Jury
ich hasse das, aber
mir ist meiner verreckt und das blöde Grün ist schon so lang.
Stöhn, vielleicht ist er auch nicht zu Hause. Ich klingelte
und Kurt öffnete mir sofort die Tür. Zu meiner Überraschung
(oder eigentlich auch nicht) überfiel er mich gleich mit einem
Wortschwall, ohne das ich mein Anliegen vorbringen konnte.
"Da schicke ich
schon mal ein Bild zu einem Wettbewerb und was passiert? In
der Jury sitzen alles nur Leute die keine Ahnung haben."
" Äh, wie keine Ahnung", fragte ich. "Na ja,
ich habe da ein tolles Bild hingeschickt und die Jury hat es für
den Wettbewerb nicht angenommen." Ich fragte weiter
"Wer hat den festgestellt, dass es sich bei dem Bild um
ein tolles Bild handelt?" "Kurt bekam wieder seinen
bohrenden Blick "Ich weiß genau worauf Du aus bist. Du
denkst, dass nur ich das Bild toll fand, aber ich habe mich
abgesichert." " Oha," sagte ich "wie hast
Du das denn gemacht?" "Ganz einfach. Ich habe
verschiedene andere Leute gefragt, wie ihnen das Bild gefällt."
"
Aha, eine Vorjury sozusagen. Wer hat denn alles seine
Meinung abgegeben?" fragte ich. "Na ja, wer halt zufällig
gerade zugegen war. Ich saß im Wohnzimmer über dem Bild und
da kam z. B. meine Frau Else rein. Ihr habe ich dann das Bild
gezeigt und sie gefragt, was sie dazu meinte und wie sie meine
Chancen damit beim Wettbewerb einschätze." " Und
was hat sie geäußert?" "Sie meinte, das wäre eines
der schönsten und tollsten Bilder die sie je gesehen hätte
und das ich damit schon eine Medaille sicher hätte."
" Sonst hat sie nicht gesagt?" Kurt schaute etwas
verdutzt drein und sagte: "Na ja, sie hat mich dann noch
gefragt, ob sie sich beim Friseur eine neue Dauerwelle machen
lassen darf, aber das hat ja nichts mit ihrer Meinung zu
meinem Bild zu tun. Dann kam noch der neue Freund meiner
Tochter Silke rein. Das habe ich auch gleich ausgenutzt und
ihn nach seiner ehrlichen Meinung gefragt. Er hat sich vor
mich hingestellt und applaudiert." "Sonst hat er
nichts gesagt?" "Doch doch, er meinte noch das Bild
wäre ganz große Klasse und ob Silke heute nacht bei ihm übernachten
dürfte. Ach ja, und dann war da noch mein Angestellter Herr
Klein. Der kam zufällig in mein Büro als ich über dem Bild
hing."
"Und wie war seine Meinung?" "Na
ja, den Zusammenhang habe ich noch nicht ganz verstanden, aber
er sagte, dass man dem Bild meine Großzügigkeit und
Menschenkenntnis ansehen würde, und das es sich um ein Werk
hoher Kunst handelte." "Sonst sagte er nichts?"
"Ja schon, er fragte mich, wie es denn nun mit seiner
Gehaltserhöhung aussehen würde, aber das hat doch mit dem
Bild nichts zu tun." Nö, dachte ich, überhaupt
nicht, wie könnte man da nur eine Verbindung herstellen.
"Kann
ich das Bild auch mal sehen." "Na klar," sagte
Kurt "hier ist es."

Urks, typisches
Gurkenbild. Welche Fehler befinden sich eigentlich nicht auf
dem Bild? Für den Horizont hätte Kurt eigentlich einen
Sonderpunkt bekommen müssen; voll in der Mitte und schief as
den Schiffer sen been. Wie lange die Jury wohl das Bild gedreht
hat, bis sie wußten wo oben und unten ist. Wahrscheinlich
haben sie sich beim öffnen der Verpackung gefragt, warum
neben dem Bierdeckel hier kein Foto enthalten ist, gmpfh :-).
Ich schmeiß mich weg, dieser feinkörnige 3200 ASA Film und
dann das Ortsschild am rechten Rand. Wuah. Mist, ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen und Kurt lief
sofort rot an.
"Was bitte ist an dem Foto so komisch?"
"Na ja, Du schickst ein subjektiv tolles Foto zu einem
Wettbewerb, das durch eine objektiv wertende Jury vertreten
ist." "Subjektiv, objektiv? Ich verstehe nur
Bahnhof, kannst Du das mal ein wenig erläutern?" (Die Röte
in seinem Gesicht ließ nicht nach)
"Na ja, das ist
doch eigentlich ganz einfach. Eine Jury sollte ihren persönlichen
subjektiven Eindruck aus der Bewertung der Bilder rauslassen.
Sie sollte ein Bild nach objektiven Kriterien beurteilen, die
da z. B. sind Idee, Bildgestaltung und technische Kriterienen."
Kurt verstand anscheinend gar nichts und fragte eher unsicher:
"Warum soll sie ihre subjektive Meinung nicht einbringen?"
"Nun, stelle Dir
vor, Du hast einen Urlaub auf Mallorca verbracht. Während des
Hinflugs hat Dir die neben Dir sitzende Oma auf den Schoß
gekotzt. Bei der Ankunft bist Du die Gangway runtergefallen.
Deine Koffer sind erst 2 Tage vor Rückreise wieder
aufgetaucht und das ruhige Hotel am Meer war mitten auf einer
Disco. Nach drei Tagen hat man Dir das ganze Geld und Deine
Papiere gestohlen, das Essen war eine Katastrophe (der erste
Kellner der das Essen mit Gummihandschuhen servierte) und Du
hattest zwei Wochen Durchfall (und zwar den richtig fiesen). Die spanische Sonne hast Du
leider nie gesehen, weil es durchgehend geregnet hat. Ein
sogenanntes Jahrhundertunwetter. Bei der Rückreise sind alle
Deine Filme durchs Röntgen zerstört worden und bei der
Ankunft in Hamburg erfährst Du, das in den letzten zwei
Wochen in Deutschland das schönste Wetter seit 50 Jahren war.
Nun sitzt Du zuhause auf Klo (Du hast gerade eine
hervorragende Verwendung für den Reiseführer „Schönes
Mallorca“ entdeckt) und es klingelt an der Tür. Jemand möchte
Deine Meinung zu einem Foto und Du sollst zwischen 0
und 30 Punkte vergeben. Es ist technisch einwandfrei, hat eine
klasse Idee und ist bildfördernd gestaltet und...... es zeigt
einen sehr zufriedenen Urlauber am Strand von Mallorca.
Du bist Dir bei Deiner
Beurteilung nicht ganz sicher, ob Du dem Bild 0,1 oder 0,11
Punkte gibst, oder ob Du es für eine weitere Verwendung zu
Deinem Reiseführer „Schönes Mallorca“ legst (der
Durchfall ist übrigens als kleines Souvenir immer noch
vorhanden).
Um es kurz zu fassen,
Deine persönlichen Empfindungen würden Dein Urteil stark
beeinflussen und das wäre dem Bild gegenüber unfair. Deshalb
sollte sich eine Jury möglichst nur auf objektive
Bildkriterien legen, auch wenn man den persönlichen Eindruck,
also das subjektive Empfinden nie ganz ausschließen kann."
Kurt kratzte sich am
Kopf und verstand kein Wort. "Äh, was bedeutet das jetzt
für mein Bild?" "Ganz einfach, die Jury hat das
subjektive Empfinden aus der Bewertung gelassen und das Bild
nach Idee, Gestaltung und Technik bewertet. Deine Vorjury hat
wiederum die objektiven Kriterien außer Acht gelassen und nur
nach subjektiven (natürlich völlig unbeeinflusst und ohne persönliche
Vorteile suchend) Empfinden beurteilt."
Kurt verstand na klar
immer noch kein Wort, oder wollte es nicht verstehen. "Äh,"
(kratzkratz) "was bedeutet das nun?" Hähä,
nun werde ich Dir die ganze Wahrheit über Dein Gurkenbild ins
Gesicht schleudern. "Das bedeutet, dass......"
(Rasenmäher) "...äh, dass die Jury Dein Bild...."
(Rasenmäher)"....Verdammt, jetzt fiel mir wieder ein,
warum ich überhaupt zu Kurt gelaufen bin "...äh, dass
die Jury Dein Bild völlig falsch bewertet hat."
Kurt
schaute verdutzt und überrascht auf, und ein großes
Fragezeichen stand auf seinem Gesicht. Diese Antwort war er
von mir nicht gewohnt (und ich von mir auch nicht, seufz). Ich
erzählte weiter: "Die Jury hat stur nach objektiven
Kriterien bewertet. Welch großer Fehler. Dein Bild strahlt
soviel Gefühl und Emotionen aus, das kann man doch nicht mit
dem Hammer bewerten, da zählt nur die Subjektivität."
So ganz überzeugte das Kurt noch nicht.
"Du meinst, die
Jury hat mein Bild falsch bewertet und meine Leute haben den
wahren Wert erkannt?" fragte Kurt und schaute mich etwas
ungläubig an. "Aber natürlich," bemerkte ich
euphorisch "wo findet man eine subjektivere Jury als
diese drei? Deine Frau hat neben ihrem Gefühl für
hervorragend gefüllte Fleischrollen" (würg) "schon
immer ein Gespür für echte Kunst gehabt" (besonders bei
der mit Liebe gehäkelten Klorolle auf der Hutablage).
"Und bei Deinem Schwiegersohn in spe, na wenn da mal
nicht ein zweiter Meisterfotograf ins Haus kommt, hehe. Und
Dein Angestellter Klein, war der nicht mal im fotografischem
Kunstausschuß?"
Au man, war das jetzt alles nicht ein
wenig zu dick aufgetragen?
Nun
strahlte Kurt "Mein Reden, mein Reden. Keine Ahnung die
Jury, überhaupt keine Ahnung von sub...äh...subjektovität.
Blöder Wettbewerb, phhh. Mir ist das Urteil von Leuten die was
davon verstehen viel wichtiger. Obwohl," er schaute mich
mit verdrehten Augen an "bei Dir bin ich mir auch nicht
immer sicher ob Du den Unterschied zwischen subjektiviotät
und objektiviotät richtig kennst."
Er
wollte gerade die Tür zu machen, da drehte er sich noch mal
zu mir um und fragte: "Was wolltest Du eigentlich
hier?"
"Öh,
na ja, unser Rasen ist schon ziemlich lang und mein Mäher
streikt. Ob Du mir wohl mal Deinen
Motorrasenmäher........"
Wer
hat da gerade "Alter Schleimer" gesagt?
;-)
TT
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