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Mein Nachbar Kurt 8

 

Die Urlaubsdiashowallergie

Herrlich, die letzten zwei Wochen waren einfach herrlich. Kein Rasentrimmer, der pünktlich zweimal in der Woche ab 19 Uhr auf Unkrautjagd geht, keine volkstümliche Hitparade, die jeden Samstag unser ganzes Wohnviertel mit nicht zu ertragendem Lärm beschallt, keine Katze; die mir ständig in den Garten kackt und von morgens bis abends mit nicht aufhörenden „Muschimuschimuschi, wo ist denn unser Liebling, Papi hat ein lecker Fresschen für dich“-Rufen angelockt wird, keiner, der mir ständig neue Vorträge über meine mangelnde Art zu fotografieren hält. 

Herrlich. <Ding Dong> Es war einfach herrlich. <Ding Dong, Ding Dong, Ding Dong>. 

Aber mit der Herrlichkeit ist es jetzt wohl vorbei. <Ding Dong, Ding Dong, Ding Dong>.  

Kurt is back

Die Art und Weise, wie da jemand meine Türklingel vergewaltigt, kann nur von einer Person kommen; Kurt ist wieder aus dem Urlaub zurück. 

<Ding Dong, Ding Dong, Ding Dong>. Ich ging zur Tür, öffnete sie und – Bingo, welche Überraschung. 

„Moin Kurt. Na, wieder da?“ Ich drückte mir ein gequältes Lächeln raus. Kurt dagegen lächelte wie ein Honigkuchenpferd und sagte: „Wohl wohl, der Kurti ist wieder da und kann dir mit Rat und Tat in fotografischen Fragen wieder voll zur Seite stehen, hähä.“

Jaja, das befürchte ich auch. „Und, hast du ein paar schöne Dias gemacht?“, bemerkte ich. „Das will ich wohl meinen“, strahlte Kurt. „Die Insel Kurzeoog ist ja ein Traum für engagierte Fotografen wie mich. Dünen, Thomas, Dünen waren da; ich wusste gar nicht, welche ich zuerst fotografieren sollte. Und dann der Shanty -Chor „Die Touriabzocker“, wie gut, dass ich mein 28-300mm mit hatte; die habe ich alle Mann fotografiert. Aus jeder Lage. Ich habe die zwei Wochen soviel fotografiert, eine Reisetasche ist voll mit Filmen. Und das Tolle ist, ich habe die schon alle kontrolliert, da ist nicht ein einziger Ausschuss bei. War echt gut.“ Kurt schaute sich um und flüsterte mir dann mit vorgehaltener Hand zu: „Meine Olle hat immer zwischen 12 und 14 Uhr ihren Mittagsschlaf gemacht, da konnte ich immer bei herrlichstem Wetter fotografieren gehen.“ 

Jo super, bei herrlichstem Wetter. „Bist du denn nicht mal frühmorgens bei aufgehender Sonne zum Fotografieren gegangen?“, fragte ich ihn. Kurt schaute mich ungläubig an und sagte: „Ich habe Urlaub gehabt, warum sollte ich da vor 10 Uhr aufstehen? Außerdem war es dann zum Fotografieren viel zu ungemütlich, da war die Mittagszeit viel angenehmer.“ 

O-o, ich sollte lieber mit dem Diskutieren aufhören, Kurt lief schon wieder ein wenig rot an, und das war kein gutes Zeichen. Aber plötzlich strahlte er wieder und meinte locker: „Ich habe auch schon alle Filme gerahmt. Das neue ‚Homo Quick Wix System‘ ist da wirklich klasse.“

Jaja, ganz klasse. Die haben den Diaplong schon von Haus aus mit eingebaut und sind krummer als Bananen. Aber was soll’s, mir doch egal. 

Kurt erzählte aber noch weiter: „Na ja, warum ich eigentlich hier bin, kannst du dir ja schon denken. Ich bin ja kein Unmensch und wollte dich und deine Frau zu einem schönen Urlaubsdiaabend einladen. Ich weiß ja, dass du gerne gute Fotos anschaust, und da wollte ich dir mal einen Gefallen tun. Du kannst ja dafür den Wein mitbringen.“ 

Neiiiiiin. 

Bei mir gingen sofort alle Alarmglocken los. 

ACHTUNG ACHTUNG! Bitte schnallen Sie sich an und stellen Sie das Rauchen ein. Sie werden soeben von einer Armada Urlaubsdias angegriffen, die Ihnen schweren seelischen und körperlichen Schaden zufügen wird. Bitte gehen Sie in die Schutzräume. Es handelt sich um die besonders gefährliche Kurtsche-Urlaubsdia-Show. 

Auweiaweia, jetzt musste mir ganz schnell was einfallen. Ein Urlaubsdiaabend bei Bekannten ist ja schon hart, aber bei Kurt ist das eine Folter. Im letzten Jahr habe ich mir 250 Schwarzwalddias anschauen müssen. Davon waren 50 Dias nur Bäume, 70 von seiner Ollen und 30 von Schwarzwaldmädels. Zu jedem Baum wurden ausführliche Landschaftsvorträge gehalten, und bei den Schwarzwaldmädels hatte sich seine Frau so eine Tracht angezogen und jeden einzelnen Faden erklärt. Ach ja, 100 Dias fehlen ja noch in der Aufzählung; da waren noch 80 Dias von der letzten Bundesgartenschau, weil Kurt ja so ein Tulpenliebhaber ist (mit meiner Frau gab’s dann am nächsten Tag noch ordentlich Ärger, weil ich alle Tulpen in unserem Garten geköpft habe), und 20 Dias von Ostern und Weihnachten. Die sind da irgendwie mit in die Magazine gekommen. 

Durch die Homo-Quick-Wix-Rahmen war jedes Dia so unscharf, dass bei wirklich jedem Dia gnadenlos immer aufs neue scharfgestellt  werden musste. Außerdem hat der Diaprojektor so ungefähr jedes zehnte Dia gefressen. Dass alle Dias total schief eingerahmt waren, fast ausschließlich unscharf und äußerst flau waren, ein Viertel der Dias auf dem Kopf standen, brauche ich nicht besonders zu betonen, oder? 

Kurt unterbrach meinen Gedankengang: „Übrigens, die Meyers kommen auch.“

Oh nö. Bitte das nicht auch noch. Die Meyers sind Kurts Freunde aus der Jodelgruppe, da wird dann bestimmt den ganzen Abend zur Untermalung der Dias nur diese Volksmusiksülze gespielt. Ich muss mir was einfallen lassen, sonst sitze ich da nachher wieder alleine wie der letzte Depp. Meiner Frau fällt immer irgendetwas ein, die ist auch letztes Jahr zu Hause geblieben. Irgendwie kommen die dann mit ihren Frauengeheimkrankheiten, die halt nur Frauen kennen und da gegenseitig größtes Verständnis für haben. Na ja, auf alle Fälle hatte sie in Kurts Frau jemanden, der das ohne Diskussion akzeptiert hatte. 

Aber was mache ich nur? Ach, ganz einfach; Kurt zeigt seine Urlaubsdias grundsätzlich nur einmal. Wenn er mir dann seinen Termin nennt, dann kann ich einfach nicht. Ha, simpel, aber genial. Also bemerkte ich ganz locker: „Wann soll’s denn stattfinden?“ Kurt lächelte etwas breiter und bemerkte: „Och, das ist eigentlich die wahre Überraschung, den Termin darfst du festlegen.“ 

Klatsch! Das war eine Ohrfeige. Der alte Sack, das hat der mit Absicht gemacht. Ich brauche jetzt ganz schnell einen Plan B. Verdammt, was mach ich nur, was mach ich nur. Ich habe nun mal keine Frauengeheimkrankheit.

Da machte es plötzlich <Klick>, und ich antwortete wie selbstverständlich: „Das ist wirklich sehr nett, Kurt,und ich weiß das sehr zu schätzen, aber ich muss den Diaabend leider absagen.“ 

Kurt schaute mich erstaunt an: „Äh, warum?“ 

Ich kann nichts dafür, mir fiel so auf die Schnelle nichts Besseres ein: „Na ja, ich habe eine Urlaubsdiashowallergie.“ 

Kurt schaute mich mit großen Augen und offenem Mund an: „Wie jetzt, Urlaubsdia-showallergie? Was‘n das?“ 

Meine Gedanken liefen auf Hochtouren. Jetzt musste ich die Sache weiterspinnen, also fuhr ich fort: „Na ja, nach den Vorkommnissen bei deinem Diaabend im letzten Jahr bin ich dann doch mal zu einem Spezialisten gegangen.“ 

Kurts erstaunter Gesichtsausdruck blieb erhalten: „Was‘n für Vorkommnisse?“ 

„Kurt, ist dir denn gar nichts aufgefallen? Denk doch mal an deine tollen Erklärungen zu den tollen Baumbildern.“ Kurt kratzte sich am Kopf, lächelte dann und meinte: „Jo, die waren echt gut von mir.“ 

So, nun legte ich los: „Ganz genau. Supertolle Erklärungen, und trotzdem überkam mich schon nach 20 Dias eine kaum zu erklärende Müdigkeit, die sich durch massives Gähnen bemerkbar machte.“ „Kurt machte den Eindruck, als wenn er nachdachte und meinte: „Ja stimmt, jetzt wo du’s sagst. Konnte ich mir gar nicht erklären, ich wurde immer munterer. Außerdem hast du dich immer gekratzt.“ 

Ja natürlich, weil dein blödes Katzenvieh das ganze Sofa vollgehaart hatte und ich überall Juckreiz bekam. Aber ich nutzte diese Äußerung von Kurt und meinte: „Das ist die zweite Phase; extremer Hautausschlag. Sehr unangenehm und äußerst ansteckend.“ 

Kurt wich instinktiv einen Schritt zurück. Ohne es zu ahnen, half er mir mit seinen Anmerkungen natürlich ungemein. „Das Essen hattest du doch auch stehen lassen.“ „Oh ja, hatte ich mich schon so drauf gefreut, aber die Appetitlosigkeit ist leider auch eine Nebenwirkung der Urlaubsdiaallergie.“ Würg, die olle Rinderzungenpastete hätte ich nicht mal gegessen, wenn ich am Verhungern gewesen wäre. Übelster Art. 

Kurt schaute mich mit gerunzelter Stirn an und sagte: „Jetzt erinnere ich mich auch wieder, du hast ziemlich grün ausgesehen, als du nach Hause gegangen bist, und die Geräusche, die von eurer Toilette kamen, klangen auch nicht besonders gut.“ 

Ne, natürlich nicht. So ausgekotzt hatte ich mich schon lange nicht mehr, aber deine Diashow war halt nur durch extremes Betrinken zu ertragen, und ich als Gelegenheitstrinker war schon nach dem zweiten Glas Wein betrunken. „Phase 3. Tja, der Arzt hat gesagt, ich hätte spätestens nach dem zehnten Dia aufhören sollen, aber ich ahnte ja nicht, dass das von den Dias kam, und ich wollte ja gerne alle sehen.“ 

Kurt schaute jetzt sogar etwas bedrückt: „Mann, Thomas, das tut mir echt leid. War denn nächsten Tag wieder alles gut?“ 

Du Komiker, dachte ich, deine Schrottdias haben mich sogar noch im Traum verfolgt. „Weißt du noch die Tulpen? Am zweiten Tag läufst du rum wie ein Irrer. Wenn meine Frau mich nicht eingesperrt hätte, dann wären deine Tulpen sicher auch Opfer meiner Urlaubsdiashowallergie geworden. Das nennt man die Endphase oder den Urlaubsdiagau.“ 

Kurt erschrak, dann machte er einen nachdenklichen Eindruck und runzelte die Stirn. Hatte ich vielleicht doch zu dick aufgetragen? 

„Warum habe ich noch nie von dieser Art Krankheit gehört?“, fragte Kurt. 

„Na ja, bei mir ist es halt ziemlich stark ausgeprägt, aber ich denke, du hast auch so etwas Ähnliches.“ 

Kurt schreckte auf: „Was, ich? Wie kommst du denn darauf?“ 

„Überleg doch mal, Kurt. Als ich dir letztens meine Siegerbilder des Zeitungswettbewerbs gezeigt habe, bist du ziemlich rot angelaufen und aggressiv geworden. Ich weiß zwar nicht, worauf du da allergisch reagierst, aber das waren eindeutige Symptome.“ 

Kurt schaute in die Luft und bemerkte: „Ja stimmt, das passiert mir bei meinen Bildern nie, was ganz klar auf eine bestimmte Allergie schließen lässt.“ 

„Und auf welche?“ fragte ich? 

Kurt bekam sein breites Grinsen wieder: „Ist doch klar, die Miese-Bilder-Allergie. Deshalb bekomme ich bei deinen Bildern auch immer die Krätze und bei meinen fühle ich mich sauwohl.“ 

Kurt lief zu seinem Haus und bemerkte noch: „Kann man das eigentlich heilen?“ 

„Mmh,“ sagte ich, „eine gute Flasche Wein soll als Sofortmaßnahme manchmal helfen“. 

„Mmh“, Kurt kratzte sich am Kopf, „vielleicht sollte ich noch mal meine gesammelten Dias aller Bundesgartenschauen zusammensuchen, und wir schauen uns die mal gemeinsam ein ganzes Wochenende lang an. Das würde dir bestimmt gut tun, und ein so massiver Einsatz von meinen tollen Tulpenbildern würde deine Allergie bestimmt bekämpfen. Ja, das ist eine gute Idee.“ So zog Kurt von dannen. 

Das würde meine Allergie bestimmt bekämpfen, dachte ich, aber dafür würde das nach dem 50sten Tulpendia mit Sicherheit die Blumen-Dia-Tollwut auslösen. Da gebe ich dir Brief und Siegel drauf. Also, denken Sie daran, wenn Sie jemandem das nächste Mal Ihre Urlaubsdiashow androhen; das erste Gähnen kann zur 1. Phase gehören und die Endphase ist dann nicht mehr weit. Beenden Sie schnellstmöglich Ihre Urlaubsdiashow durch Vortäuschung eines Lampenausfalls am Projektor  und holen Sie eine gute Flasche Wein aus dem Keller. Sie werden sehen, wie schnell sich Ihre Gäste erholen. 

;-)

 

TT

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