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Mein Nachbar Kurt 9
Was
bin ich?
Das ist mal
wieder eine typische Kurt-Woche. Mittwoch hat er einen PC
bekommen und geht mir schon die ganze Woche mit seinen
Problemen auf den Nerv. Das Weinprogramm kennt seinen Tetratüten-Wein
nicht, sein Textprogramm meckert immer das Wort "Pfotografie"
an
(ja
ich weiß, grausam), und der Bildschirmschoner von
Heidi Klum ist immer oberhalb des Bauchnabels abgeschnitten.
Es nervt so langsam.
Gestern hat
er mir dann voller Stolz sein gerade gekauftes "Visitenkartenselbsterstellerprogramm"
gezeigt. Ich gehe jede Wette ein, das geht nicht gut, da kommt
wieder was.
Ding
Dong
Ich hab's
gewusst.
"Moin
Kurt, na, Visitenkartenprogramm läuft nicht?" Ohne
Moin sagte Kurt: "Doch,
läuft astrein. Anderes Problem."
War klar.
"O.k.,
wo drückt der Schuh?" Ich wollte das einfach nur
schnell hinter mich bringen. Kurt schaute etwas bedrückt zu
Boden und sagte: "Ich weiß nicht, was ich bin."
Ich
weiß nicht, was ich bin? Mensch Kurt, dachte ich so, ich
kann dir tausend Dinge sagen, was du bist. Im Moment bist du
einfach nur eine riesengroße Nervensäge. Und wenn ich deinen
Satz 'Ich weiß nicht,
was ich bin' höre, dann ist das sicherlich wieder eines
von deinen supertollen Problemen, die mich wahrscheinlich
wieder den allerletzten Nerv kosten.
"Äh,
wie jetzt, du weißt nicht, was du bist?"
"Na
ja", meinte Kurt,
"ich
mache da gerade meine Visitenkarten und möchte da einen Titel
drauf haben, aber ich weiß nun mal nicht, was ich bin, da
kommt so viel in Frage."
Schreib doch
einfach 'Der Welt größte Nervensäge' drauf, dachte ich so
bei mir. Da ich aber wusste, wie Kurt auf solche Vorschläge
reagiert, fragte ich ganz banal:
"Was
kommt denn da so alles in Frage?"
"Nun,
zuerst dachte ich an 'Amateurfotograf',
weil ich ja die Fotografie so liebe. (Wenn
man sieht, wie er seine Kamera quält, dann beruht das
bestimmt nicht auf Gegenseitigkeit).
Aber
eigentlich bin ich ja ein 'Profi',
weil ich ja auch schon Bilder verkauft habe. (Ja
klar, zwei selbstgebastelte Kalender für Tante Trude zu
Weihnachten. Und die hat sie auch nur deshalb gekauft, damit
sie deiner Frau nicht die selbstbemalten Gartenzwerge
abzunehmen braucht).
Da
ich aber von beiden etwas in mir verbinde, dachte ich dann
aber eher an 'Semiprofi'. (Du
meinst sicher eher, weil du von beiden nichts richtig hast).
Da
ich aber ja bald in eurem Fotoclub mitmachen möchte, wäre
eigentlich 'Fotoclubfotograf' die richtige Bezeichnung. (Auweia,
sag das bloß nicht zu laut, sonst sind wir bald der kleinste
Fotoclub Deutschlands).
Und
dann dachte ich so bei mir, was denn andere so von mir sagen,
und da fiel mir der 'Fotokünstler'
ein. Denn das sagst ja selbst du, dass dich meine Bilder
manchmal an moderne Kunst erinnern. (Ja
stimmt, aber das machen vollgeschissene Windeln auch).
Da
ich aber auch schon mal mit meinen Bildern bei einem
Wettbewerb gewonnen habe, würde eigentlich 'Wettbewerbsfotograf'
sehr passend sein. (Ja
super, 2. Preis bei Schlachter Karl, zweimal Fleisch in der
Dose und 3 Pfund Sülze für die Frau Gemahlin).
Aber
passend wäre eigentlich 'Fotodesigner',
nech?"
Langes
Schweigen, dann fragte ich doch mal:
"
Warum?"
"Weil's
eben passt." Der angesäuerte Ton in Kurts Stimme war
nicht zu überhören.
Nun
machte ich mal einen Vorschlag:
"Wie wär's denn mit 'Hobbyfotograf?"
"Das
passt nicht zu mir."
Ich fragte:
"Warum?"
"Weil'
s eben nicht passt." Der angesäuerte Ton wurde
deutlicher. "Ich
wollte nun von dir wissen, wofür hältst du mich?"
Schluck, auf
diese Frage und der damit verbundenen Antwort kann nur Ärger
folgen, egal was ich antworte. Das ist ungefähr so, als wenn
Ihre Frau vorm Kleiderschrank steht und sagt: 'Schatz, was
soll ich heute Abend anziehen?' Egal was Sie antworten,
Sie haben schon verloren.
Toll. Profi,
Fotodesigner, Fotokünstler, der hat wohl den letzten Schuss
nicht gehört. Nun möchte er von mir wahrscheinlich einen
Vorschlag hören, der das alles miteinander verbindet. Macker,
das kannste vergessen. Aber wie mache ich jetzt weiter? Ich
weiß schon, was ihr denkt; sag ihm doch einfach, dass er dich
kreuzweise kann und mache die Tür zu. Stöhn, wenn das so
einfach wäre. Kurt würde immer weiter nerven, der gibt nur
Ruhe, wenn er zufrieden gestellt ist. Eigentlich müsste ich
ihm aber sagen, dass er einfach nur ein ganz normaler Knipser
ist.
Überleg,
grübel, nachdenk....Moment.....Idee....Yepp!
"Ist
doch ganz einfach Kurt, du bist der geborene Knipser."
Kurts
Augenbrauen zogen sich zusammen und die Gesichtsfarbe
wechselte auf Tief-rot als er sagte:
„Dafür
hast du sicherlich ein gute Erklärung.“
„Na
ja sicher,“ sagte ich ganz locker
„der
Knipser verbindet einfach alle die von dir genannten
positiven Eigenschaften. Alles andere würde dir nicht
gerecht. Ich sage das zwar selten, aber du hast den Titel Knipser wirklich verdient.“
Kurts
tiefrotes Gesicht wurde immer dunkler, als er sagte:
„Du
weißt sicher, was ein Knipser ist. Vielleicht überlegst du
noch mal schnell, ob du dich da nicht vertust.“
„Mitnichten.
Natürlich weiß ich, was ein Knipser
ist, aber eventuell hast du eine falsche Vorstellung davon.“
Kurts
Augenbrauen gingen in eine leicht verdutzte Stellung, und er
meinte etwas überrascht:
„Äh, wie bitte?“
„Na
ja, beim Knipser
handelt es sich um einen hoch angesehenen, ehrenhaften, rein
auf seine Tugenden sich stützenden sehr kreativen Fotografen,
dessen Bilder einen künstlerischen Anspruch haben und der
sich nur auf sich selbst verlässt.“
Das saß.
Sein Gesicht entspannte sich, die rote Farbe entwich, die
Augenbrauen lockerten sich, nur die Klappe fiel ein wenig
runter. „Watwatwat?
Das soll ein Knipser sei?
Wie das denn? Hast du das erfunden?“
„Aber
nein, Kurt, schon mal überlegt, woher das Wort Knipser
kommt? Der Name steht doch eigentlich in keiner Beziehung zum
Wort Fotografie. Je komplizierter ein Wort klingt, so tiefer
ist die Bedeutung und so höher das Niveau.“
Kurt wurde
immer erstaunter. „Ach was, erklär mal.“
„Das
Wort Knipser bzw. Knips besteht eigentlich aus mehreren Wörtern. Da ist einmal das Kni
und dann das ips. Wobei das ips für
zwei Dinge steht. Das
Kni steht für Knight, für den Ritter. Auf die Fotografie bezogen bedeutet das,
dass du für deine Art der Fotografie einstehst, das du ein
hohes Ansehen hast, das du unbeirrt deinen Weg gehst und dich
durch keinen Fotofachverkäufer von deinem Weg abbringen lässt.
Es ist die Art der Fotografie, zu der die Leute aufschauen.“
Kurts
Brust wurde etwas breiter, als er sagte:
„Na
ja, das trifft ja alles sehr gut auf mich zu. Mach mal weiter
mit dem ips.“
„Ips steht für ipsefecit.
Das heißt soviel wie, der Künstler hat das Bild selbst
gemacht und es dementsprechend gekennzeichnet. Auf die
Fotografie bezogen kann man sagen, dass der Fotograf ein sehr
kreativer Künstler ist, der zu seiner Arbeit mit viel Stolz
steht. Außerdem steht es noch für Ipsation,
was bedeutet, dass er es sich selbst...äh... dass er für die
Erfüllung seiner fotografischen Befriedigung keinen anderen
braucht.“
Kurt schaute
mich mit leuchtenden Augen an und sagte voller Begeisterung:
„Das
passt, das ist es. Ich wußte es schon immer: ich bin ein Knipser.“
Kurt drehte
sich um und ging, mit Blick in Richtung Himmel, wieder zu
seinem Haus. Er drehte sich jedoch noch mal um
(macht
er immer, erinnert so ein wenig an Columbo) und fragte
etwas zweifelnd: „Ich dachte eigentlich immer, dass der Knipser ein Typ ist, der unüberlegt nur für Erinnerungen
fotografiert?“
„Ach
Kurt, die meisten haben halt keine Ahnung und die anderen
machen sich einen Spaß daraus.“
Das war’s
noch nicht, denn Kurts Blick blieb zweifelnd:
„Aber du hast mir das auch mal so erzählt, so von wegen Knipser
und keine Ahnung.“
Ich senkte
meinen Kopf und meinte: „O.k. Kurt, du hast mich erwischt, ich bin halt einfach neidisch.
Ich habe noch nicht das Zeug zum Knipser.“
Das sah Kurt
ein und strahlte wieder: „Ja, das habe ich mir immer schon gedacht. Ach, wie toll das klingt
‚Kurt der Knipser’,
das hat was. Jetzt kann ich an meine Visitenkarten gehen. Du
wirst gleich die ersten bekommen, Thomas.“
Au ja, darauf
freue ich mich jetzt schon. Die werde ich mir einrahmen.
Also, wenn
mal wieder jemand zu Ihnen Knipser sagt, bedanken Sie
sich, es ist ein lieb gemeintes Kompliment.
;-)
TT
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