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Bildgestaltung - Goldener Schnitt und Drittelteilung

 

 

fotgrafiert von Anja Wiessner

 

Oha, man gerade die Überschrift gelesen und schon runzeln die ersten die Stirn. Muß das nicht "Goldener Schnitt oder Drittelteilung" heißen? Ist das nicht das Gleiche? Wenn Ihnen das jemand erzählt, dann haben Sie einen typischen Fachbuchsklaven vor sich; alles gelesen, nichts verstanden, falsch weitergegeben.

Erbsenzählerei mögen Sie denken, aber die Gestaltung in Anlehnung des Golden Schnittes geht einfach anderen Überlegungen voraus als die Gestaltung nach der Drittelteilung. Vielleicht werden Sie am Ende dieser Seite meinen Überlegungen zustimmen, vielleicht auch nicht. Sehen Sie es einfach als zusätzliche Information und nicht als Stein der Weisen.

Was ist der Goldene Schnitt?

Was soll ich Ihnen viel erzählen, es gibt genug Erklärungen, Formeln und Zeichnungen dazu. Hier kommen ein paar gesammelte Werke:

Goldener Schnitt

Bezeichnung für ein mathematisches Teilungsverhältnis; irrationale Proportion von Breite zu Höhe im Verhältnis 1 : 1,618. Propagiert wurde der Goldene Schnitt seit der Renaissance insbesondere von Architekten,
 Typographen, Malern, Bildhauern und Musikern als das ideale Zahlenverhältnis im Sinne des Klassizismus. Der Goldene Schnitt, also das Teilungsverhältnis
a : b = b : (a + b)

wenn a gleich 1 ist, beträgt b 1,618; ist a gleich 0,618, so ist b gleich 1. 0,618 : 1 entspricht 1 : 1,6180339887498948482045868343656 (...) gerundet 1 : 1,618

Alles klar? Noch nicht, dann haben wir hier noch einen:

Der Goldene Schnitt ist ein bestimmtes Verhältnis, wobei das Verhältnis der Gesamtlänge zum größeren Teil genau so groß ist, wie das Verhältnis des größeren Teils zum kleineren Teil:

Zur Berechnung diese Verhältnisses nimmt man obige Formel:

es gilt

L / a = a / b

weiter gilt

L = a + b oder b = L - a

in einander eingesetzt

L / a = a / (L - a)

ausmultiplizieren

L² - L * a = a² oder a² + L * a - L²

Lösung der quadr. Gleichung

(-L + Wurzel (5) * L) / 2

für L = 1 ist die Lösung

1 : 1,618

Immer noch nicht? Aber nun:

Am Beispiel eines griechisch-dorischen Tempels wird das Verhältnis der Säulen zur Gesamthöhe des Bauwerks gezeigt. Teilung einer Strecke C (= Summa) in einen kleineren Teil A (= Minor) und einen größeren Teil B (=Major), so dass sich A : B = B : C verhält.

So, nun sollte aber alles klar sein. Zur Vereinfachung hat man dann das Verhältnis auf ganze Zahlen abgerundet, die da z. B. wären 2:3, 5:8, 8:13, 13:21 usw. 

 

Haben Sie sich Ihr Lieblingsverhältnis eingeprägt? Prima, dann vergessen Sie das alles ganz schnell wieder.
Möchten Sie wirklich mit einer Messlatte durch die Landschaft hüpfen oder sich die Verhältnisse als Diagramm auf die Sucherscheibe ritzten? Na also.

 

Das ist aber ärgerlich, hier ist das Verhältnis leider nur 2:2,3. Und nun?

Ich zeige Ihnen ein besseres Hilfsmittel um immer das richtige Verhältnis für Ihre Aufnahme zu finden; Ihren Bauch. Wenn Sie verstanden haben warum und wann man den Goldenen Schnitt einsetzt, dann brauchen Sie keinen Zollstock. Sie werden in Verbindung mit Ihren Bauch immer das für Ihr Bild richtige Verhältnis finden. Und wenn es den oben angegebenen Verhältnissen des Goldenen Schnitts nicht entspricht, dann nennen Sie halt Bunten Schnitt oder auch anders.

Denn bei der Anwendung des Goldenen Schnitt oder auch der Drittelteilung kommt es nicht darauf an ein bestimmtes Verhältnis einzuhalten, sondern alleine um die Bildwirkung. Und die Bildwirkung des Goldenen Schnitt beruht nun mal darauf, dass in den meisten Fällen der Bildeindruck harmonischer wirkt, wenn sich das Hauptmotiv nicht exakt in der Mitte befindet, sondern leicht aus der Mitte gerückt. Wie weit aus der Mitte, sagt Ihnen Ihr Bauch.

Hat das Bild das richtige Verhältnis um als Goldener Schnitt durchzugehen? Egal, mir gefällt es so wie es ist. Aus der Mitte nach rechts verschoben und den Blick in die leere Fläche. Evtl. könnte die Fläche rechts sogar noch ein klein wenig kleiner ausfallen. Sagt zumindest mein Bauch.  
     

 

 

Nein, da passt etwas nicht. Das ist zu mittig. Versuchen wir mal was anderes.  
     
Hmm, ich dachte zuerst, eine gewagtere Position kommt besser, aber das ist ja total daneben. Richten wir uns doch mal ein wenig nach dem Goldenen Schnitt ...  
     
...(grübelgrübel)...denken nicht an die Verhältnisse und nehmen unseren Bauch dazu...  
     
Ja, das ist es.  

Beim Goldenen Schnitt handelt es sich immer um einen relativ kleinen Versatz aus der Mitte. Warum wird beim nächsten Bild deutlich.

  Nein, hier kann man beim besten Willen nicht mehr vom Goldenen Schnitt sprechen. Der Leuchtturm ist zu weit am rechten Rand platziert.

Wird das Verhältnis zu groß, entsteht ein große leere Fläche. Das Gleichgewicht ist in diesem Bild nicht mehr gegeben, es wirkt unharmonisch. Um Harmonie in solch ein Bild zu bekommen gibt es zwei Möglichkeiten; entweder den Leuchtturm weiter zur Mitte platzieren oder die leere Fläche mit einem zweiten Motiv füllen.

Um einen langweiligen, unharmonischen, synchronen Bildaufbau zu vermeiden, wurde der Leuchtturm leicht aus der Mitte versetzt. Der Versatz sollte aber nicht zu groß sein, da sonst die Gefahr eines Ungleichgewichts gegeben ist.
Hier wurde die leere Fläche mit einem zweiten Motiv gefüllt.
Das Bild kippt nun nicht mehr nach rechts und wirkt harmonischer.
Auch der Horizont ist hier eine reine Bauchentscheidung; selbst eine Anordnung des Horizonts nach dem Goldenen Schnitt würde zuviel überflüssige dunkle Fläche in das Bild bringen. Der Horizont gehört deshalb weiter nach unten; sagt mein Bauch.
 

Obwohl die Position des Leuchtturms nicht verändert wurde, wirkt der Leuchtturm jedoch nicht deplaziert.

Das Bild wurde nach der Drittelteilung gestaltet.

Worin unterscheidet sich die Drittelteilung vom Goldenen Schnitt?

Bei der Drittelteilung, der Name sagt es ja schon,  haben wir ein Seitenverhältnis von 1:2, da wir das Bild in drei gleich große Stücke aufteilen. Beim Goldenen Schnitt haben wir ein Verhältnis von 1:1,618. Auch wenn wir auf diese Zahlenspielerei nicht allzu viel geben wollen, eines wird jedoch deutlich: bei der Drittelteilung liegt das Hauptmotiv weiter am Rand als beim Goldenen Schnitt bzw. beim Goldenen Schnitt wird das Hauptmotiv dichter zur Mitte angeordnet.

Warum das so ist, haben wir weiter oben schon angesprochen:

  • Der Goldene Schnitt kommt in der Regel bei Bildern zur Anwendung, die nur aus einem Hauptmotiv bestehen. Dabei wird das Motiv nur gering aus der Mitte gesetzt um kein Ungleichgewicht zu erzeugen.

  • Die Drittelteilung kommt in der Regel bei Bildern zur Anwendung, die aus Hauptmotiv und Nebenmotiv bestehen. Dabei kann das Hauptmotiv stärker aus der Mitte gesetzt werden, da das Nebenmotiv für ein Gleichgewicht sorgt.

  • Nicht vergessen; Ausnahmen bestätigen die Regel (oder der Bauch).

Klassisches Beispiel für eine Drittelteilung.  
Lassen Sie Ihrer Phantasie einmal freien Lauf. Stellen Sie sich das Bild nur mit der jeweils rechts in Groß erscheinenden Frau vor und denken Sie sich die anderen Frauen einfach aus dem Bild.

 

Die rechte Fläche wäre deutlich zu groß, da die Frau viel zu weit an den linken Rand gedrängt wäre.

   
Auch hier wäre das Verhältnis immer noch sehr unharmonisch, da die rechte Fläche einfach noch zu groß wäre. Zusammen mit der Frau in Orange, würde dann allerdings ein Gleichgewicht entstehen.
   
Hier ist die Frau im Goldenen Schnitt angeordnet und könnte alleine bestehen. Nun stellen Sie sich noch die Frau in Orange dazu vor; es entsteht sofort ein Ungleichgewicht, da das Bild zu rechtslastig wird.
   
Die Frau in Orange alleine im Bild, wäre gestalterisch eine mittlere Katastrophe. Als Gegengewicht zum Hauptmotiv ist Sie jedoch von hoher Bedeutung.

Hier noch mal zur Verdeutlichung die Aufteilung in Anlehnung an die Drittelteilung.

Machen Sie sich frei von festen Verhältnissen; entscheiden Sie mit dem Bauch.

Glauben Sie mir, ich habe in meinen Anfängen der Fotografie weder etwas vom Goldenen Schnitt noch von der Drittelteilung gewusst, trotzdem war es bei meinen und bei anderen Bildern die ich betrachtet habe immer wieder diese Bildeinteilung, welche ich als angenehm empfand. Deshalb ist es zwar schön, wenn man die Verhältnisse und die Definition des Golden Schnittes sowie der Dritteleinteilung kennt, aber für das eigentliche fotografieren ist es unerheblich. Hören Sie einfach auf Ihr Gefühl.

Versuchen Sie nie krampfhaft den Goldenen Schnitt oder die Drittelteilung einzuhalten, sondern fotografieren Sie immer nur in Anlehnung an diese sogenannten Regeln.

Ein schönes Motiv, aber gestalterisch ein Chaos; das Auge findet keinen ruhenden Punkt.

Hier ein paar Beispiele für die Gestaltung in Anlehnung an den Goldenen Schnitt oder der Drittelteilung.
 
     
 
     
 

Und wenn bei meinem Motiv weder der Goldene Schnitt noch die Dritteleinteilung passt, was dann?

Dann lassen Sie es auch. Es ist gut die oben genannten Regeln zu kennen, denn nur dann weiß man auch wann und warum man sie brechen sollte. Es geht einzig und allein um die Bildwirkung. Machen Sie sich nicht zum Sklaven irgendwelcher Regeln, aber ignorieren Sie diese auch nicht.

Mit dem Verständnis für diese Regeln und der Entscheidung aus Ihrem Bauch, werden Sie in kürzester Zeit bessere Bilder machen. Besser und schneller als Ihnen das jedes neue Kamera-Feature bieten kann.

Viel Spaß dabei.

Thomas Tremmel