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Bildgestaltung - Grundlagen

 

 

fotografiert von Volker Wiechern

 

Was bedeutet eigentlich Bildgestaltung? 

Bildgestaltung bedeutet eigentlich nichts anderes, als den Betrachter die Aussage oder die Idee, welche in dem Bild steckt, möglichst durch einen förderlichen Bildaufbau zu verdeutlichen. Wie nun diese Gestaltung auszusehen hat, ist für jedes Bild individuell. Es gibt kein Gesetz, das besagt, dass ein Bild so oder so auszusehen hat oder sich an bestimmte Regeln halten muss. 

Aber es gibt doch so genannte Bildgestaltungsregeln? 

Jein. Es gibt beim fotografieren keine Regel die man einhalten muss. Es gibt jedoch einige Gestaltungsmöglichkeiten die relativ oft angewendet werden, weil sie einen bestimmten Zweck erfüllen. Dies ist einfach begründet in dem zweidimensionalen Aufbau des Fotos und den Gewohnheiten des menschlichen Gehirns sowie unserer Fähigkeit Dinge wahrzunehmen. Es gibt also bestimmte Arten Bilder zu gestalten, die sich relativ oft wiederholen, weil sie das Bild in der Bildaussage unterstützen. Und alles was relativ oft vorkommt, nennt man halt eine Regel.

Dazu ein ganz einfaches Beispiel; der Horizont. 

Wo lege ich den bei einem Bild, sagen wir mal Strand-Meer-Himmel, den Horizont hin? In die Mitte, nach oben oder besser nach unter? Und wenn, wie viel nach oben oder unten. Jetzt gibt es sicherlich einige die würden pauschal sagen: „Auf keinen Fall in die Mitte. Entweder in das obere oder das untere drittel.“ Und genau das ist falsch. Dabei ist es doch eigentlich ganz einfach. Wo der Horizont hin gehört? Na ja, genau dort, wo er für die Bildaussage, die Idee oder Stimmung am besten hinpasst. Und wo nun genau, das ist nun mal abhängig vom Bild. Vielleicht passt er sogar am besten in die Mitte, vielleicht auch an den untersten Rand. Wie gesagt, es kommt auf das Bild an.

 
Horizont schief, aber dafür nach "Drittelregel". Der Aufbau des Horizonts nach "Drittelregel" ist aber sichtbar unpassend.    Hier wurde der Horizont nicht nach einer "Bildgestaltungsregel" eingebaut, sondern einfach dort platziert, wo er für die Bildwirkung von Vorteil ist. 

Und nun kommt die Regel; oft ist es gerade bei diesen Bildern so, dass die Bildwirkung besonders dann gut zur Geltung kommt, wenn sich der Horizont im oberen oder unteren Drittel befindet. Das ist nicht immer so, aber doch relativ oft. Und schon hat man die Regel: die Drittelteilung.   

Hier ein typisches Beispiel für die Drittelteilung. Messen Sie jetzt aber nicht mit einem Messschieber nach; die Anwendung der Drittelteilung erfolgt nach Gefühl und Bildwirkung und nicht mit dem Lineal. Machen Sie sich nicht zum Sklaven irgendwelcher Zahlenverhältnisse.

Wenn man jedoch diese Drittelteilung ohne zu überlegen anwendet, dann hat man zwar in seinem Bild eine Bildgestaltungsregel eingebaut, aber das Bild nicht gestaltet. Oder sagen wir besser, nicht bildwirksam gestaltet. 

Wann ist ein Bild perfekt gestaltet? 

Eine immer wieder zu hörende Aussage ist folgende: „Das Bild ist zwar perfekt gestaltet, aber die Aussage erschließt sich mir nicht.“ 

Das widerspricht sich. Wenn es die Aufgabe der Bildgestaltung ist, die Aussage, Stimmung oder Idee des Bildes zu verdeutlichen, kann ein Bild nicht besonders gut gestaltet sein, wenn man die Aussage nicht erkennt. Was der Schreiber eigentlich sagen möchte ist: „Eine lieblose Ansammlung bekannter Bildgestaltungsregeln, die jedoch die Aussage des Bildes nicht verdeutlicht oder nicht ausreichend ist.“ 

Daraus folgt; ein Bild, das sich nach vielen bekannten Gestaltungsregeln richtet, kann trotzdem schlecht gestaltet sein. Ein Bild wiederum, welches überhaupt keine bekannte Gestaltungsregel beinhaltet, kann besonders gut gestaltet sein. 

Woher weiß ich aber nun wie ich mein Bild gestalten soll, damit es einen bestimmten Effekt beim Betrachter erreicht? 

Kennen Sie das auch? Da zeigt ihnen jemand ein Bild vom seinen letzten Inselurlaub und schwärmt von der Stimmung die dort am Strand herrschte, aber sie empfinden beim Betrachten des Bildes nur gähnende Langweile und kommen überhaupt nicht in Stimmung. Das kann einem übrigens auch bei seinen eigenen Bildern passieren. Warum bringt das Bild denn nicht das wieder, was ich beim Auslösen damals gefühlt habe, obwohl ich doch genau das aufgenommen habe, was ich gesehen habe. Sie unterliegen einem Irrtum. Sie versuchen mit dem Foto die Realität festzuhalten, aber das Foto kann die Realität nicht wiedergeben. 

Warum? 

Weil: 

  • Wir sehen unsere Umwelt in drei Dimensionen –Höhe –Breite –Tiefe. Einem Foto fehlt die Tiefe; es ist nur zweidimensional
  • In der Umwelt werden sie von strahlendem Licht geblendet, in der Fotografie erscheint strahlendes Licht einfach nur ausgefressen und weiß. Das Strahlen geht verloren.
  • Ein Bild ist statisch und hat keinerlei Bewegung
  • Gerüche, Geräusche oder auch das Gespür für den Wind, gibt ein Foto nicht wieder.

All das geht verloren. Nur wenn unsere Erinnerung an die Situation stark genug ist und sich mit dem Bild vermischen kann, begeistert uns sogar diese einfache und eigentlich nichts sagende Aufnahme. Das ist auch der Grund dafür, dass bei Urlaubsdiaschauen die Gastgeber bei jedem Dia immer wieder vor Begeisterung aus dem Häuschen fallen und die Gäste nach dem dritten Dia schon mit dem Schlaf kämpfen.   

Ach war das schön. Das war sooo schööön an diesem Abend, ich komme jedesmal wieder ins Schwärmen bei dieser Aufnahme. Sie nicht? Komisch ;-)

Gibt es denn keine Möglichkeit die Stimmung, welche ich beim Auslösen verspürte, mit in das Foto einzubauen? 

Doch, aber das ist mit durchschauen und losknipsen nicht so schnell getan; hier kommt die überlegte Fotografie ins Spiel, die Bildgestaltung.   

Mit ein wenig Gestaltung können Sie auch Ihren Urlaubserinnerungen Stimmung einhauchen, die auch andere Betrachter spüren.

Ist es ihnen auch schon mal ergangen, dass sie zwei fast identische Bilder des selben Motivs sehen, das Bild 1 aber nur langweilig und das Bild 2 sehr interessant wirkt? Ich möchte hier mal Andreas Feininger zitieren: „Allerdings besteht ein großer Unterschied zwischen einem erkennbaren und einem eindrucksvollen Foto desselben Motivs“. Damit wird bei den Bildern deutlich, dass Bild 1 nur abfotografiert und Bild 2 gestalterisch fotografiert wurde. Der Autor hat sich mit Hilfe der Bildgestaltung ihr Interesse gesichert, indem er die Gewohnheiten ihres Gehirns und ihre Wahrnehmungsmöglichkeit genutzt hat. 

 
Wie jetzt, das Bild gefällt Ihnen nicht? Es war ein herrlicher Tag, die Vögel sangen, das Licht war romantisch und es herrschte eine wunderbare Stille und Atmosphäre. Das sehen Sie nicht? Das Bild gibt aber doch die Situation exakt wieder?   Na, gibt das Bild die Atmosphäre nicht deutlich besser wieder? Dabei war es durch angrenzende Bauarbeiten höllisch laut, Kinder schmissen mir immer Steine ins Wasser und außerdem war es saukalt.

Auch von einer anderen Vorstellung sollten sie sich freimachen; ein interessantes Motiv mag zwar ein guter Start zu einem guten Foto sein, ist aber kein Garant dafür. Kleines Beispiel: halten sie einen Sonnenuntergang für ein gutes Motiv? Lassen sie uns einfach mal darauf einigen, dass es sich hierbei um ein gutes Motiv handelt. Sie kenne sicher auch Hunderte von Sonnenuntergangsbildern, einige gut, einige schlecht und fast immer hört man zu den Bildern: „Schönes Motiv“. Aber schönes Motiv heißt nicht gleichzeitig schönes oder gutes Bild. Wenn dem nicht so wäre, dann bräuchte man ja nur die nächste Galerie mit Bildern von Vincent van Gogh besuchen, abfotografieren und hätte alles gute Bilder. Aber das wären, trotz des sicherlich tollen Motivs, alles nur abfotografierte Bilder. Wenn überhaupt, dann hat der Künstler der Malerei ein Lob verdient, der Fotograf höchstens ein kleines fürs gute Abfotografieren.   

Ein tolles Motiv, finden Sie nicht?

Gefällt es Ihnen? 

Schön, danken Sie dem Künstler, 
ich hab's nur abfotografiert

Es bleibt ein schönes Motiv, 
aber das reicht nicht für ein tolles Foto.

Die fotografische Leistung geht bei diesem Bild 
gegen Null.

Freuen sie sich also, wenn sie ein schönes oder interessantes Motiv gefunden haben, aber geben sie sich mindestens genauso viel Mühe in der Gestaltung wie bei allen anderen Motiven auch. Und wenn sie noch mal die Aussage zu ihren Bildern hören: „Schönes Motiv“, dann wissen sie, wie sie diese Aussage einzuschätzen haben. 

Gibt es grundsätzliches bei der Gestaltung zu beachten? 

Aber sicher. 

Gehen sie keine Kompromisse ein.

Sie wollen eine interessante Landschaft bei interessantem Licht fotografieren, wie sie es immer dann sehen, wenn sie morgens früh zur Arbeit aufstehen und aus dem Fenster schauen. Nun haben sie Urlaub und stehen vor einer tollen Landschaft. Leider ist es zwölf Uhr mittags, weil sie im Urlaub nun mal nicht vor 10:00 Uhr aufstehen. Na ja, was soll’s. Wird schon nicht so schlimm sein, drücken wir erst mal ab. 

VERGESSEN SIE’S! 

Es wird nicht das Bild, welches sie eigentlich im Kopf haben. Es wird wahrscheinlich sogar noch schlimmer, weil das Mittagslicht die Landschaft noch viel kälter wiedergeben wird, wie sie es jetzt schon sehen. Packen sie ihre Kamera ein und gehen sie lieber ein Eis essen. Kommen sie gegen Abend oder morgen früh noch mal wieder, dann bekommen sie auch das Bild, welches sie sich vorgestellt haben. Machen sie das nicht, kommt ihr Bild nicht über den Erinnerungswert drüber weg. 

Weniger ist mehr.

„Mutti, geh mal noch ein Schritt zurück, dann bekomme ich noch deine neuen Schuhe drauf. Geh ma noch `n Schritt zurück, dann bekomme ich auch noch die Würstchenbude mit drauf.“ Was wollen sie uns eigentlich mit dem Bild zeigen? Solche Bilder sind für den Betrachter unzumutbar. Haben Sie schon mal versucht, ein Buch zu lesen und gleichzeitig im Radio die Nachrichten zu verfolgen, das Quiz im Fernsehen mitzuraten und von ihrem Partner die neuesten Friseurgeschichten mitzuhören? Das ist unmöglich, denn sie können nicht so viel Dinge auf einmal wahrnehmen.

Ein Detail kann für mehr Hamburger-Hafen Atmosphäre sorgen 
als eine Übersichtsaufnahme mit 100 Schiffen.

Dazu ein Zitat von K. C. Cole: „Zu all den Dingen, die wir nicht sehen können, gesellen sich noch die Dinge, die wir nicht sehen wollen, weil wir uns entschieden haben, sie zu ignorieren. Im Augenblick habe ich zum Beispiel beschlossen, das Geräusch meines Atems, das Gefühl des Rings am meinem Finger, den Anblick der Brille direkt vor meiner Nase, ja sogar den der Nase selbst zu ignorieren. Die Blende einer Kamera und die Pupille sind nicht dazu da, Informationen hereinzulassen, sondern dazu, welche auszublenden. Wer je eine Kamera in der Hand hatte weiß, dass zuviel Informationen einen genauso blind machen kann wie zuwenig. Wenn sie sich alle neun Sinfonien von Beethoven gleichzeitig anhören wollten, würden sie nur Krach hören.“ 

Nehmen sie sich diese Worte zu Herzen, man kann es gar nicht oft genug betonen. Bei den meisten Bildern die ich gezeigt bekomme, führt ein kleinerer Ausschnitt meist zu einer Bildverbesserung, etwas zusätzliches ankleben musste ich noch nie. Kennen sie diese Videofilmer am Strand, die den Strand mit ihrer Videokamera zweimal von links nach rechts und wieder zurück abfahren und dabei auch noch mehrmals zoomen? Grauenhaft! Ein kleiner einzelner Stein mit ein wenig Sand und Wasser sagt mit Sicherheit mehr über die Stimmung aus und ist auch interessanter. 

K. C. Cole spricht ein Thema an, welches für die Bildgestaltung eine große Rolle spielt; die Wahrnehmung. Darauf sollten wir noch ein wenig mehr eingehen. 

Denken sie immer daran, mit ihren Augen konzentrieren sie sich oft zu stark auf das Motiv und nehmen Bildstörende Dinge im Moment der Aufnahme gar nicht wahr. Es gibt aber ein tolles Hilfsmittel bei der Gestaltung ihres Bildes, welches oft viel zu sehr unterschätzt wird. Dazu aber erst wieder ein Beispiel: 

Sie fahren als Fahrer und ihrem Partner als Beifahrer über eine Landstraße. Plötzlich fragt sie ihr Beifahrer, ob sie das Ufo auf der Kirchturmspitze im linken kleinen Dorf gerade gesehen haben? Sie verneinen das, da sie sich ja auf den Verkehr konzentriert haben und keine Augen für die Einzelheiten der Landschaft haben. Aber kein Problem; sie halten das Auto an, drehen den Zündschlüssel um und schauen sich die Landschaft nun in all ihren Einzelheiten an. Nun sehen sie nicht nur das Ufo auf der Kirchturmspitze, sondern auch die Außerirdischen im Biergarten. 

Mit der Autofahrt im Hintergrund, wollen wir jetzt mal eben einen Sonnenuntergang fotografieren. Die 125tel Sekunde lässt das fotografieren aus der Hand noch zu. Natürlich wollen wir ja auch gestalten, aber es ist eigentlich schon schwer genug den Horizont gerade zu bekommen und die mit Autofokus gespeicherte Entfernung auf diesen großen Stein im Vordergrund nicht zu verlieren. HATSCHI! Mist, gerade jetzt muss ich niesen. Also noch mal den Ausschnitt festlegen und auf den Stein scharf stellen; verdammt ist der Horizont wieder schief. So, nun aber abgedrückt und ab nach Hause. 

Schade, die Scharfeinstellung ist nun doch auf Unendlich gelaufen. Der Horizont ist zwar fast gerade, aber etwas zu weit nach unten verlegt worden. Dadurch wurde der Stein etwas angeschnitten. Sieht leider ziemlich blöd aus, aber nicht ganz so blöd, wie der Ast, der vom Baum hinter uns ins Bild ragte. Na ja, dadurch sieht man vielleicht nicht die leere Flasche Jonny Walker im Sand, die unsere romantische Stimmung doch etwas stört. Aber wahrscheinlich sieht man die gar nicht, weil die Blende so weit zu war, dass man auf dem Bild wohl eher gar nichts erkennt. 

Was soll man machen, wir haben uns nun mal eben auf den Stein und den geraden Horizont konzentriert und die störenden Teile so gar nicht wahrgenommen. Nur, der Film nimmt alles wahr. Er zeigt uns später auf dem Foto jeden noch so kleinen Fehler gnadenlos. Und da wir dann mehr Zeit haben und das Bild statisch ist, werden wir auch jeden Fehler erkennen und uns fragen, wie wir das nur übersehen konnten. 

Klar, jetzt denken sie, es gibt nun mal keinen Zündschlüssel wie beim Auto, der mir die Kamera abstellt, damit ich alles in Ruhe abchecken kann.

Falsch. Wer will den die Kamera abstellen? Was hier abgestellt werden muss, ist ihre beschränkte Wahrnehmungsmöglichkeit. Es muss also etwas geben, wo sie niesen oder etwas trinken dürfen, ohne wieder von vorne zu beginnen. Etwas, wo sie sich auf jeden Millimeter ihres Sucherbildes nach und nach konzentrieren können. Sie meinen das muss der Stein der Weisen sein? Ja, so etwas ähnliches; es ist das 

Stativ 

Wenn man eine Umfrage starten würde, welchen Zweck das Stativ erfüllt, würde man wahrscheinlich folgende Antworten erhalten: 

  • Man bekommt trotz langer Belichtungszeiten noch scharfe Bilder.
  • Man kann selbst bei schlechten Lichtverhältnissen über jede Blende verfügen.
  • Es macht einen professionellen Eindruck.

Dabei wird eigentlich nie der wichtigste Grund genannt: 

Es ist der beste Freund bei der Bildgestaltung. 

Sie brauchen die Kamera nicht mal anfassen, können jeden Millimeter des Suchers abtasten, können zwischendurch sogar Essen gehen; der Ausschnitt ändert sich kein Stück. 

Machen sie doch ihre Sonnenuntergangsaufnahme nun noch mal. Finden sie nun erst mal den richtigen Ausschnitt. Horizont gerade? Stein gut im Vordergrund platziert? Nein? Kleines Stückchen noch nach links. Und nun? Perfekt. Schärfe richtig einstellen und Schärfentiefe kontrollieren. HATSCHI! Macht ja nichts, das Stativ hat den Moment ja fest gespeichert. So, nun noch mal den Sucher absuchen. Moment mal, ich dachte erst das wären Wolken, aber das ist ja ein dunkler Ast vom Baum hinter mir. Gehen wir also noch einen Meter nach vorne. Mal sehen, Bingo, der Ast ist nicht mehr im Bild. So, obere Hälfte ist OK und die untere scheint’s auch zu sein. Oder? Was glitzert denn da so komisch im Sand? Auwei, das ist ja `ne Buddle Jonny Walker. Na ja, die nehmen wir mal eben weg. So, sieht’s perfekt aus. Noch mal Zeit und Blende kontrollieren. 125sek und Blende 32? Ach nee, da habe ich noch die manuelle Einstellung drin. Man gut, dass mir das noch aufgefallen ist. So, Blende 11 ist genau richtig für die Schärfentiefe und die Zeit von ¼ Sekunde passt gut zum Wasser, mit Stativ ist das eh kein Problem. 

Um das noch mal zu verdeutlichen: 

Benutzen sie wann immer möglich ein Stativ. 

Hier noch eine kleine Warnung; bei der Firma Klappstuhl wurden vor kurzem fehlerhafte Melkschemel und Notenständer hergestellt. Nun versucht man diese als Stative zu verkaufen. Achten sie also beim Kauf darauf, keinen Melkschemel sondern ein Stativ in der Hand zu halten. Sie erkennen es ganz einfach; das Stativ ist stabil.   

 

Kein Witz, dass die Äste stören ist mir erst am Leuchtpult aufgefallen.

 

Gibt es neben der Wahrnehmung noch andere menschliche Eigenschaften die ich bei der Bildgestaltung beachten sollte? 

Oh ja; die Erinnerung und die Gewohnheit. 

Wie wir schon zu Anfang bemerkten, ist ein Bild zweidimensional. Das wird besonders dann deutlich, wenn wir uns Erinnerungsbilder von Landschaften anschauen, die auf einmal nur noch platt wirken. Trotzdem gibt es Bilder, wo man das Gefühl hat, man schaut richtig in das Bild hinein. Es ist geprägt durch Tiefe und Räumlichkeit.

Wie hat der Fotograf das geschafft? Er nutzt das Erinnerungsvermögen des Betrachters und die Gewohnheit des menschlichen Gehirns. 

Dazu ein Beispiel: Fotografieren sie doch mal einen Tennisball am ausgestreckten Arm und dazu den Mond im Hintergrund. Wenn sie jetzt jemanden Fragen wie groß die beiden Kugeln wären und wie weit entfernt, würden sie wahrscheinlich beim Tennisball Angaben von einem 5cm großen Durchmesser und einer Entfernung von einem halben Meter erhalten und beim Mond einen Durchmesser von 3200 km und eine Entfernung von 380000 km. 

Aber das ist nicht richtig. 

Messen sie doch mal die Durchmesser auf dem Foto nach. Das sind doch ca. 2 cm bei beiden Kugeln und die Entfernung zu ihren Augen ist doch in beiden Fällen gleich. 

Was sie gemacht haben ist vertraute Gegenstände ihrer Erinnerung hervorzuholen. In ihrer Erinnerung ist der Tennisball nun mal ca. 5 cm im Durchmesser und kann bei dieser Größe nur einen halben Meter von ihnen entfernt sein. Na ja, und der Mond hat nun mal auch den oben genannten Durchmesser und die genannte Entfernung. Aber obwohl man die Frage unterschiedlich auslegen kann, wird wohl niemand die Angaben mit den 2 cm machen. 

Sie werden jetzt sicher sagen, dass ist nur eine Wortspielerei. Mitnichten; schauen sie sich das Bild noch mal genau an. Wirkt es in ihren Augen flach? Nein! Das Bild hat eine Tiefenwirkung. 

Ihr Gehirn kennt die beiden vertrauten Gegenstände und weiß dadurch, dass der Tennisball im Vordergrund sein muss und der Mond im Hintergrund. Dadurch entsteht im Gehirn eine Tiefenwirkung. So einfach ist das. 

Es gibt mehrere Möglichkeiten die Erinnerungsfähigkeit des Gehirns auszunutzen um Tiefe in ein Bild zu bekommen, als da wären Linearperspektive, Luftperspektive, Umrahmung usw. Wir wollen da jetzt nicht im einzelnen drauf eingehen, aber sie sollten sich damit beschäftigen. Sie machen ihre Bilder damit wesentlich interessanter und harmonischer. Nutzen sie das.   

 
Tiefenwirkung durch unterschiedliche Schärfeebenen.   Tiefenwirkung durch Linearperspektive.

 

Manche Bilder wirken sehr unruhig obwohl nur wenige Gegenstände das Bild prägen. Woran liegt das? 

Damit kommen wir zur Gewohnheit. Stellen sie sich ein Lied vor, welches manchmal ein wenig leiert und manchmal etwas zu schnell läuft. Grauenhaft.

Oder sie lesen ein Buch. Wo die Buchstaben mal weiter auseinander gezogen sind und dann mal wieder ganz eng zusammen. Dazu verlaufen die Sätze auch noch wellenförmig nach oben und unten. Eine Zumutung. 

Damit sie das Lied genießen können, sollte doch schon alles im gleichen Takt laufen. Es ist zwar immer noch das selbe Lied, aber jetzt klingt es herrlich. 

Und das Buch sollte richtig formatiert werden. Immer gleicher Buchstabenabstand und bitte alle Sätze parallel ausgerichtet. Was für ein angenehmes Lesen. 

Beim Foto ist das nicht anders. Führen sie den Betrachter in und durch das Bild. Führen sie sein Auge durch eine bewusste Gestaltung auf den von ihnen gewollten Weg. Wenn das Auge hin- und herspringen muss, keinen ruhenden Pol findet oder durch eine fehlerhafte Gestaltung gegen seine Gewohnheit kämpfen muss, dann ist das genauso wie das Leiern des Liedes. 

Nur würde beim Lied der Komponist nie sagen: „Tut mit zwar leid, aber das ging nicht anders, mein Taktgeber war kaputt.“ Oder auch: „Das sollte so, das macht das Lied spannender.“ 

In der Fotografie wiederum hören sie solche Aussagen immer wieder. 

Nutzen sie die Gewohnheiten des menschlichen Gehirns. Harmonie hat nichts mit Langeweile zu tun.   

Das Auge findet keinen ruhenden Punkt.

Man schaut zum Beispiel fast grundsätzlich von links nach rechts in ein Bild. Das kommt z.B. durch unsere Lesegewohnheit. Wenn sie aber einen Eyecatcher im Bild haben, z.B. eine roten Ball, dann vergessen sie das mit von links nach rechts, denn dann geht das Auge sofort auf diesen Eyecatcher. Bedenken sie das bei ihrer Gestaltung. Denken sie auch daran, dass uns Linien in jeglicher Form durch das Bild führen. Achten sie darauf, dass der Blick des Betrachters nicht durch Linien schneller aus dem Bild geführt wird, als es ihnen lieb und recht ist.   

Das Auge wird durch den roten Schirm quasi angezogen. Die Linearperspektive der Brücke unterstützt diesen Effekt.

Weiter Gewohnheiten im Bild sind unser Umgang mit Formen, Kontrasten oder auch Farben. Auch hierauf wollen wir nicht im einzelnen eingehen, aber sie sollten sich unbedingt damit beschäftigen. Schauen sie sich mal Bilder an, in denen die Farbe Rot vorkommt und wohin ihr Auge immer wieder wandert. 

Ja, gemacht? Sie können das nutzen, aber es kann ihr Bild auch zerstören. 

Und wie mache ich jetzt weiter? 

Gehen sie fotografieren. Nichts ersetzt die Praxis. Schauen sie sich evtl. noch nach einem geeigneten Buch über Bildgestaltung um, aber Vorsicht; es gibt nur ganz wenige brauchbare Bücher. 

Unterscheidet man eigentlich Klassische Bildgestaltung von anderen Gestaltungsarten? 

Bildgestaltung ist erforderlich aufgrund des Sehunterschiedes zwischen Auge und Objektiv. Da wir daran nichts ändern können, nutzen wie die Eigenschaften der Sichtgewohnheiten des Betrachters. Wir unterscheiden da nicht zwischen klassischen und anderen Augen oder klassischen und anderen Gehirnen. Es gibt nur die eine Bildgestaltung, allerdings mit unterschiedlichsten Möglichkeiten. Das ist rein abhängig von dem Zweck und dem Ziel, welches sie mit dem Bild erreichen wollen.   

Das Bild erhält seine Wirkung u. a. durch die Gestaltung. Ziel war es die Aussage zu verdeutlichen und nicht Gestaltungsregeln zu sammeln.

Der Ausdruck „Klassische Bildgestaltung“ kommt oft in Form eines abwertenden Satzes vor. Z. B. hört man immer wieder: „Ich bin kein Freund der klassischen Bildgestaltung.“ Dazu gesellen sich dann oft noch Wörter wie Langweilig, alte Leute-Fotografie oder Fotoclubfotografie.   

Ritter im Goldenen Schnitt. Langweilig? Alte Leute Fotografie?

Fragen sie doch mal diesen Freund, was er unter Klassischer Bildgestaltung versteht. Nach einem verlegenen Stottern fällt evtl. das Wort „Goldener Schnitt“ oder auch ganz selten noch das Wort „Drittelteilung“. Meist kommt dann noch ein: „Du weißt schon was ich meine.“ Aber das war’s dann auch schon. Fragen sie dann doch noch zusätzlich, welche anderen Kategorien der Bildgestaltung es denn noch geben würde. Spätestens jetzt werden sie merken, dass solche Aussagen nur die eigene Unfähigkeit darlegen, Bilder bewusst und überlegt zu gestalten. Wenn sie mir nicht glauben, dann schauen sie sich die Bilder des Freundes an. Manchmal werden sie sogar eine Gestaltung erkennen, die war dann aber nicht überlegt, sondern eher zufällig. 

Wie ich schon ganz am Anfang dieser Zeilen bemerkte, gibt es einige immer wiederkehrende Bildgestaltungsmöglichkeiten, worunter sicher auch der Goldene Schnitt fällt. Deshalb nennt man diese Art der Gestaltung auch gerne klassisch. Aber das war’s dann eigentlich auch schon mit der klassischen Bildgestaltung. 

Sie finden den Goldenen Schnitt natürlich auch in der modernen Kunst. Der Zweck und das Ziel geben die Gestaltung vor, und das ist bei jedem Bild immer wieder individuell. 

Der Name Andreas Feininger fällt auch sehr oft in Verbindung mit klassischer Bildgestaltung. Das ist aber eben so falsch, wie es nur falsch sein kann. Dazu reicht es allerdings nicht aus, sich nur die Bilder in seinen Büchern anzuschauen, sondern man sollte die Texte intensiv lesen. Ein Zitat von Andreas Feininger zeigt eigentlich sehr deutlich seine Ansicht zur Bildgestaltung: 

„Es gibt nur zwei Arten von Fotos und Fotografen: gute und schlechte. Die schlechten Fotografen sind fantasielos und ängstlich bei der Arbeit. Sie imitieren eher, als sie erfinden; sie sind Sklaven ihrer eigenen überholten Regeln.

Im Gegensatz dazu sind gute Fotografen unaufhörlich auf der Suche nach neuen Mitteln für grafische Ausdrucksformen und verbessern ständig ihre Leistung durch fantasievolle Benutzung aller ihnen zur Verfügung stehenden Mittel.“ 

Nachwort 

Sie haben sicherlich gemerkt, es geht mir bei diesen Zeilen nicht um eine Anleitung zur Bildgestaltung, sondern warum Bildgestaltung erforderlich ist. 

Es spielt keine Rolle welche Art der Fotografie sie bevorzugen. Ob Wettbewerbsfotografie oder auch moderne Kunst, sie wollen ja immer einen bestimmten Effekt beim Betrachter erzielen, und das erreichen sie über die Bildgestaltung. 

Machen sie sich nicht zum Sklaven irgendeiner Regel. Sie sollten die Bildgestaltung so verinnerlichen, dass sie aus dem Bauch herauskommt und sie sich nur noch um ihr Motiv oder ihre Idee kümmern brauchen. 

Gehen sie fotografieren, machen sie vom gleichen Motiv unterschiedliche Aufnahmen und vergleichen sie diese später auf dem Leuchtpult. Oft kommt erst dann der Aha-Effekt. 

Schauen sie sich Bilder intensiver an und versuchen sie zu begründen, warum ihnen das eine gefällt oder das andere nicht, welche Gestaltung der Autor gewählt hat. Besuchen sie Ausstellungen über Fotografie und Malerei. Gerade Maler nutzen die Macht der Bildgestaltung. Schauen Sie sich einen Manet, van Gogh oder einen Seutat an. Alles Maler der Moderne. Alle nutzen die Wirkung der Bildgestaltung.

Sie werden schnell feststellen, dass eine überlegte Bildgestaltung der einfachste, schnellste und effizienteste Weg zu besseren Bildern bedeutet. 

Dabei wünsche ich ihnen viel Spaß. 

Thomas Tremmel

zum goldenen Schnitt und Drittelteilung

P.S.: Für Buchtipps betreffend Bildgestaltung schaut bitte auf unsere Buchtipp-Seite